Besuch im Hospiz: Das Leben im Rückspiegel

Foto: unsplash
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Was ist im Leben wirklich wichtig? Welche Dinge beschäftigen einen, wenn man weiß, dass man nicht mehr lange zu leben hat und wie steht man zum Thema Scheitern, wenn man auf die eigene Lebensgeschichte zurückschaut?

 

Unsere Gastautorin Celeste (20) hat sich im Sommer 2017 im Rahmen einer Projektarbeit an der Universität mit dem Thema „Restzeit“ auseinandergesetzt und in dem Zusammenhang zwei Frauen getroffen, die am Ende ihres Lebensweges stehen. Im Hospiz in Dessau hat sie mit ihnen über das Thema Scheitern gesprochen:

 

Frau D.  ist seit drei Wochen zu Gast im Hospiz, einem Ort für Menschen, die krank sind und nicht mehr lange zu leben haben. Trotzdem ist dieser Ort alles andere als traurig und kalt. Hier fühlt Frau D. sich wohl und ist umgeben von Menschen, die sich Zeit für sie nehmen und ihr bei Bedarf auch jederzeit helfen können.

 

 

Frau D. (82)

 

„Oft denke ich mir: Ich kann jetzt noch nicht sterben. Mir hat der Arzt jetzt vier Wochen gegeben – das ist viel zu kurz für mich und es gibt noch Dinge, die ich noch erledigen muss. Da wäre mein Haus in Holland, welches ich noch auf meinen Sohn übertragen muss oder meine Schwester, die ich schon seit 5 Jahren nicht mehr besucht habe. Ich weiß überhaupt nicht, wie es ihr geht – wenn ich daran denke, bereue ich, dass ich manchmal zu wenig Zeit mit den Leuten verbracht habe, die mich eigentlich gern haben und ich bereue, dass ich nicht auf mein Herz gehört habe und Tänzerin geworden bin.

 

Stattdessen habe ich jahrelang als Volksschullehrerin gearbeitet. Das war zwar auch in Ordnung, aber irgendwie hat es sich trotzdem nie ganz richtig angefühlt – aber was soll man machen, irgendwann nimmt man sein Schicksal an und so schlimm war’s ja dann doch nicht (lacht).  Generell hab ich viel zu oft das gemacht, was am einfachsten war. Ich bin im dem Sinne gescheitert, dass ich mich nicht getraut habe, meine innigsten Wünsche zu verwirklichen: Zum Beispiel dass mit der Tänzerin oder auch immer wenn ich Lust aufs Reisen hatte, hab ich immer zuerst an das Geld gedacht und was alles schief laufen könnte, anstatt einfach loszufahren und zu entspannen. Ich wollte immer schon eine Schiffreise machen, später auch mit meinem Mann zusammen. Geschafft habe ich das aber nie. Er ist ein Jahr vor der Reise gestorben und alleine möchte ich sie auch nicht mehr machen, ich bin ja schon alt.

 

Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Genießen Sie Ihr Leben und machen Sie all das, worauf sie Lust haben, solange Sie noch jung sind – man wird schneller alt, als man denkt und am Ende schafft man ja doch nicht alles. Und auch wenn ich hier jetzt gerade glücklich bin, frage ich mich oft, wie es mir gegangen wäre, wenn ich einfach mal nicht auf meinen Vater oder sonst wen gehört hätte. Ich habe viel zu oft an die Arbeit und das Geld gedacht und jahrelang dasselbe gemacht. Gebracht hat es mir letztendlich nichts, außer dass ich für die wirklich wichtigen Dinge, wie meine Familie, keine Zeit mehr hatte. Ich habe sie einfach aus den Augen verloren, genauso wie meine ganzen Wünsche. Ich hab Dinge gemacht oder eben auch nicht, weil ich sie machen musste oder es von mir erwartet wurde, nicht weil ich es wirklich wollte. Ich glaub das war mein größter Fehler.“

 

Auch Erika H. verbringt ihre letzten Wochen im Hospiz. Neben den hauptamtlichen Mitarbeitern, den Ärzten und Pflegern, tragen auch viele ehrenamtliche Helfer dazu bei, dass Erika H. sich soweit es geht zu Hause fühlt. So darf sie beispielsweise auch ihr Zimmer nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen einrichten.

 

Erika H. (76)

 

„Ich bin schon sehr oft gescheitert und habe auch unzählige Fehler gemacht. Viele davon bereue ich bis heute noch. Aber manche Fehler waren auch gut in dem Sinn, dass ich dadurch etwas gelernt habe. Aber Sie wollen ja wissen, was ich falsch gemacht hab - Nu, da gibt’s schon einiges. Als ich noch ein junges Ding war wie Sie, bin ich oft nachts aus dem Fenster geklettert und dann früh, bevor die Eltern wach wurden, wieder nach Haus gekommen. Einmal hat aber jemand die Leiter weggenommen und ich musste schreien und die Nachbarn wecken, damit ich wieder ins Haus komme. Meine Eltern sind da natürlich wach geworden – da gab’s dann ne ordentliche Schelle.  (lacht laut). Das war ein Fehler, aus dem ich gelernt hab. Ich bin danach nie wieder so lange weg geblieben, ohne einen Schlüssel unter der Fußmatte zu verstecken.

 

Aber natürlich habe ich auch große Fehler gemacht, die ich bis heute wirklich bereue.  Ich habe mit 17 angefangen zu rauchen – und obwohl ich’s immer wieder versucht hab – aufhören konnt ich nie. Hab so oft probiert mich mit irgendwas abzulenken. Hab sogar mit Rückengymnastik und einer Theatergruppe angefangen. Gebracht hat’s nichts. Immer wenn grad viel los war, hab ich wieder eine Zigarette angezündet. War nur mal ganz kurz als ich schwanger war rauchfrei, aber ehrlicherweise nicht mal da komplett. Ich bewundere die Leute, die das schaffen. Ich hab das nie hingekriegt. Die Strafe dafür ist jetzt meine Stimme – ich klinge genauso wie mein Mann damals.

 

Mein Mann war ein toller Vater für meinen Sohn und ein unglaublicher Chameur,  aber meine große Liebe war er nicht. Ich bereue bis heute noch, dass ich nicht meinen Schulfreund Gregor geheiratet habe. Damals habe ich mich nicht getraut mich den Wünschen meines Vaters zu widersetzen.  Verstehen Sie mich nicht falsch, mein Mann war wirklich ein liebenswerter Mann. Trotzdem, ich war nicht glücklich in meiner Ehe. Musste ständig an Gregor denken und dass ich meine große Chance vertan hatte. Und das alles eigentlich nur, weil ich Angst hatte, dass mein Vater enttäuscht wäre und mein Sohn ohne seinen Vater aufwachsen müsste. Das Traurigste ist aber, dass mein Mann mich wirklich geliebt hat und ich ihn aber nicht auf dieselbe Weise. Und jetzt wo er gestorben ist, bereue ich das Ganze noch mehr.

 

Das Schlimme ist aber, dass weder Gregor noch mein Mann von meinen Gefühlen wussten. Ich habe verpasst, die Wahrheit zu sagen und bereue das sehr. Hier im Hospiz denke ich oft darüber nach, manchmal, wenn ich alleine bin, kullert auch mal ein Tränchen. Aber nach einer Weile beruhig‘ ich mich wieder und denke an die schönen Sachen, die ich erlebt hab und dann geht’s mir auch wieder besser.“

 

Frau D. und Erika H. verstarben beide wenige Wochen nach dem Interview.

 

 


 

Celeste Meisel (20) studiert Integriertes Design an der Hochschule Anhalt. Das Interview ist Bestandteil eines monothematischen Magazins zum Thema "Restzeit", welches im Rahmen eines Hochschulprojektes entstanden ist. Dieses beinhaltet u.a. Interviews mit Hospizgästen, -mitarbeitern und Helfern, ein Kapitel zum Thema Wünsche und Gespräche mit Bestattern. Ziel hierbei war es, die Leser dazu zu bringen, über Tabuthemen zu reden und ihnen vielleicht sogar ein wenig die Angst vor dem Sterben zu nehmen.

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