Der neue Lebenslauf hat Ecken und Kanten

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Das meiste, was ich versuche, gelingt mir nicht. Aber diese Rückschläge sind meistens unsichtbar, während meine Erfolge sichtbar sind." (Johannes Haushofer, CV of Failures)

 

Ich führe eine Excel-Tabelle über meine eingereichten Bewerbungen. Mit grün und rot markiere ich dann positive und negative Rückmeldungen. Anhand der Statistik kann ich konkret darstellen, wie meine “Erfolgsquote” bei den Bewerbungen ist. Die Erfolgsquote bildet dann ab, inwiefern meine Fähigkeiten und Kenntnisse zu den ausgeschriebenen Stellen passen.

 

Der Lebenslauf nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Auf einer Seite Papier müssen meine wichtigsten Erfahrungen, größten Erfolge und individuellen Fähigkeiten zusammengefasst werden. Der CV soll so zu dem perfekten Pitch für den Job werden. Idealerweise noch mit maßgeschneiderten Argumenten, warum gerade ich der sehnsüchtig gesuchte, perfekte Bewerber für den Job bin.

 

Doch das Berufsleben schreibt nicht nur Erfolgsgeschichten. Gleich zu Beginn muss ich meine akademische Ausbildung kurz zusammenfassen. Gehört dazu auch, dass abgebrochene BWL-Studium zu erwähnen? Oder doch lieber eine Lücke lassen und direkt überspringen? Ich erinnere mich, in irgendeinem Ratgeber gelesen zu haben, dass Lücken im Lebenslauf immer erklärt werden müssen. Diese Arbeit nehme ich meinen Gesprächspartner vorab schon ab und erwähne mein Studium in Magdeburg.

 

Zu einem prägnanten Lebenslauf gehören auch lehrreiche Praktika und Nebensjobs. Eine stupide Aufzählungen der Stationen reicht aber nicht mehr aus. Vielmehr muss man all die Erfahrungswerte bestmöglich und im Detail beschreiben und idealerweise die Schnittstellen zum neuen Job herauskristallisieren. Wer schreibt schon gerne über arrogante Chefs, langweilige Rechercheaufgaben oder starre Strukturen? Vielmehr präsentiert man jede Berufserfahrung als den perfekten nächsten Schritt für die eigene Entwicklung. Ich ertappe mich dabei immer wieder selber, wie schnell man doch all die negativen Erfahrungen in Praktika und Nebenjobs verdrängt. Bei Vorstellungsgesprächen berichtet man dann lieber von einer “lehrreichen Erfahrung” statt auch offen und ehrlich über abschreckende Momente oder Missstände zu sprechen. Dieses Verhalten leitet sich natürlich auch von dem inneren Drang ab, sich bestmöglich präsentieren zu müssen.

 

Doch auch wenn die Erwartungen an den perfekten Bewerber hoch sind, ermöglicht eine persönliche Vorstellung auch Chancen für Querdenker und reflektierte Kandidaten. Wir alle sollten uns die Frage stellen, wie wir uns selbst als Person und Charakter mit Ecken und Kanten authentisch präsentieren können. Ein Vorstellungsgespräch sollte sich vielmehr wieder auf den Kern der Vorstellung des Menschen konzentrieren. Persönlichkeiten und Charaktere prägen einen Job, die Zusammenstellung der Teams und somit auch die gesamte Organisation. Die Person hinter den notwendigen fachlichen Qualifikationen auf dem Papier sollte sich offen präsentieren können. Dazu gehört auch, über eigene Fehlentscheidungen, negative Erfahrungen und abschreckende Erlebnisse offen und ehrlich zu sprechen.

 

Die alte Vorstellung der klassischen Rollenverteilung von Bewerbern und Personalern hat sich im weitesten Sinne auch schon zugunsten einer offenen und ehrlichen Atmosphäre verbessert. Vielmehr sind nun die Bewerber gefragt, sich als Persönlichkeiten vorzustellen und die Angst vor dem eigenen Scheitern oder der negativen Erfahrungen abzulegen. Dabei sollen die Erfahrungen des Scheiterns nicht glorifiziert werden, vielmehr sollte die Vorstellung aus positiven und negativen Erfahrungswerten bestehen. Durch eine authentische Darstellung der eigenen Personen steigen auch die Chancen, dass sich der Bewerber am Ende des Gesprächs auch wirklich zum idealen Kandidaten für die Stelle entwickeln kann.

 

Die “Erfolgsquote” meiner Bewerbungen spielen am Ende der Bewerbungsphase somit auch nur eine sekundäre Rolle. Vielmehr sind die unterschiedlichen Vorstellungsgespräche im Prozess eine wertvolle Erfahrung auf dem Weg zum perfekten Job.

 

(fh)

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