Du kannst nicht dein eigenes Vorbild sein!

Junger Mann im Spiegelbild
foto: unsplash

In der Grundschule wurde regelmäßig durch die Bank gefragt, was man denn später mal werden wolle. Die Klischees von Jungen und Mädchen wurden nicht selten erfüllt. Die Jungs wuchsen mit Lego und Playmobil auf und kickten auf dem Hof miteinander Fußball oder kämpften mit Stöckern gegen die Parallelklassen. Diese Erfahrungen fanden sich dann auch in den Berufswünschen als Polizist, Profi-Fußballer oder Rennfahrer wieder. Michael Schumacher oder Michael Ballack wurden zu Vorbildern einer ganzen jungen (männlichen) Generation. Gleiches fand man auch mit passenden Beispielen bei den Mädchen.

 

Auch wenn diese traditionelle Zuordnung in unserem liberalen Weltbild der Großstadt sicher nicht mehr repräsentativ ist, spielt die verhaltenstheoretische Erfahrung der Kinder auch eine wichtige Rolle für die späteren Vorbilder einer jungen Generation. Die Berufswünsche spezifizierten sich später zu konkreten Ausbildungsberufen.

 

Doch was wird aus den Vorbildern unserer Schulzeit, die völlig frei von irgendwelchen Erwartungen formuliert und angstfrei in die Welt geschrien wurden? Oft halten wir an diesen Bilder nicht sehr lange fest. Durch unsere Erfahrungen mit der Realität ersetzen wir unsere eigentliche Idealbilder mit den tatsächlichen realitätsnaheren Versionen. Insbesondere die Zeit nach der Schulzeit wird zur Zeit der Entscheidungen. Wir reflektieren direkte und indirekte Erlebnisse und Einflüsse und lernen neue Wege und Berufe kennen. Doch dieser Prozess ist sicherlich nicht mit der Schullaufbahn beendet. Auch mit Mitte und Ende 20 erhalten wir durch Praktika und Nebenjobs neue Einblicke in eine Arbeitswelt der unbegrenzten Vielfalt.

 

Doch dieser stetige Wandel, diese unregelmäßige Anpassung kann auch dazu führen, dass wir uns selber sowie unsere Selbstbilder mit Charakter, Stärken und Fähigkeiten nicht mehr klar definieren können. Für was stehen wir eigentlich? Was ist unsere Passion? Wie definieren wir unsere Identität? Diese Fragen muss sich jeder stellen, der sich auf der Suche nach der eigenen Selbstverwirklichung befindet.

 

Konsequent ausgedrückt bedeutet dies, dass wir uns eher davor scheuen, überhaupt ein Vorbild für uns selber zu finden und dieses dann auch in unserem sozialen Umfeld zu kommunizieren. Zu oft sind wir damit beschäftigt, uns selber als eigenes Idealbild zu formen. Wir wollen eigene neue Wege gehen, uns von alten Rollen und Perspektiven frei machen. Die Selbstgestaltung soll ohne eine Anleitung und ein Vorbild geschehen.

 

Wir sind davon überzeugt, es immer besser zu machen als unsere Vorgänger oder die Konkurrenz. Vorbilder im Job oder aus dem Freundeskreis können den Eindruck vermitteln, dass wir selber nicht stark genug sind, uns selbst zu finden und vielmehr auf Altes und Bestehendes zurückgreifen. Wer will schon der billige Abklatsch eines Originals sein? Durch diese individuelle Anpassung an neue Ereignisse und Erfahrungen wird das eigene Selbstbild immer wieder neu erfunden. Oft kann das aber auch zu einem unendlichen Prozess der Selbstoptimierung führen, welcher zu Unzufriedenheit und Selbsthass werden kann.

 

Erfolgreiche Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik sprechen oft von eigenen Mentoren oder “Ziehvätern”. Ein Mentor agiert dabei als Zuhörer und Korrektor. Dabei profitiert der junge Mensch beispielsweise von wichtigen Ratschlägen in Krisenzeiten oder einem effizienten beruflichen und persönlichen Netzwerk. Vielleicht ist der persönliche Mentor somit das Vorbild von heute.

 

Am Ende ist es doch eigentlich recht einfach. Wir brauchen wieder mehr Mut und Stärke, uns für eine Vision, ein Vorbild und eine Idee auszusprechen. Wir sollten keine Angst davor haben, Vorbilder oder Idealbilder zu formulieren und diesen auch im Alltag direkt zu folgen. Vielmehr sollten wir die Chance ergreifen, Vorbilder als Inspiration zu sehen und deren Erfahrungen für uns zu nutzen. Dann bekommen wir eine Ahnung, wer wir am Ende des Tages wirklich sein wollen.

 

(fh)

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