Ein Plädoyer: Warum wir wieder mehr streiten müssen

Foto: Celeste Meisel
Foto: Celeste Meisel

“Wer streitet, lebt ausgeglichener. Eine gute Streitkultur zu pflegen macht gesund und glücklich”, heißt es auf der Webseite von Celeste Meisel und ihrer Freundin Stella Kornfeld. Was im Jahr 2018 als Idee für eine gemeinsame Bachelorarbeit begann, mündete nach und nach in zahlreichen Veranstaltungen, der Gründung eines gemeinnützigen Vereins zur Förderung von Streitkultur und der Publikation der ‘Streitschrift’. Die beiden Design-Studentinnen sind überzeugt: Viele Probleme unserer Zeit könnten gelöst werden, würden wir nur wieder anfangen, konstruktiv miteinander zu streiten. Exklusiv auf ungehobelt veröffentlicht Gastautorin Celeste ihr Plädoyer für mehr Streit im Alltag.

 

Sowohl der Streit als auch das Scheitern sind beides Begriffe, die in unserer Gesellschaft leider noch häufig negativ konnotiert sind. Das liegt vor allem an den negativen Emotionen, die wir dabei empfinden. Viele haben Angst vor Ablehnung und Gesichtsverlust. Wer streitet, scheint Probleme im Leben zu haben und die Kontrolle zu verlieren – kurz: zu scheitern, was bei Vielen noch als Tabu gilt. Erfolg zählt, Misserfolge hingegen werden gezählt. Beim Streit prallen unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen aufeinander. Er findet (meist) ungeplant statt, passiert also im Affekt und wird von Emotionen geleitet. Dass man dabei auch mal die Fassung verliert, sprichwörtlich “vor Wut überkocht” und dabei Dinge sagt, die den Gegenüber verletzen können, ist völlig normal. 

 

Was jedoch häufig ausbleibt, ist das klärende Gespräch danach: Zuzugeben, dass man möglicherweise einen Fehler gemacht hat oder dem Gegenüber die Chance zu geben, sich zu erklären, fällt Vielen schwer, der Mut zur klärenden Auseinandersetzung fehlt. Probleme werden häufig nicht offen angesprochen, stattdessen wird die vorhandene Störung zurück- bzw. ausgehalten. Dies geht unter anderem mit der eigenen Harmoniebedürftigkeit, sowie dem Bedürfnis (politisch) korrekt zu handeln und gesellschaftliche, sowie persönliche Erwartungen zu erfüllen einher. Diese Zurückhaltung und Unterdrückung der Gefühle führt wiederum dazu, dass die Streits nicht zu Ende geführt werden und sich festfahren. Es entsteht häufig eine Art Scheinharmonie (Leute vertragen sich wieder, ohne die Streitigkeit geklärt zu haben), die wiederum dazu führt, dass diese ungeklärten Konflikte immer wieder aufbrechen.

 

Um das zu verhindern, sollte man einsehen, dass Fehler, genauso wie Streit zum Leben dazu gehören. Nicht umsonst heißt es, dass man aus Fehlern lernt – und zwar vor allem etwas über sich selbst und seine Verhaltensweise, aber auch über den gegenüber. Scheitert man, gibt das häufig den Anlass, sich mit sich selbst zu beschäftigen, Ziele und Wünsche genauer zu fassen, zu klären, was einen stört. Man ist gezwungen sich sowohl mit der anderen als auch mit der eigenen Person auseinanderzusetzen und sich gründlich mit den damit einhergehenden Verhältnissen zu beschäftigen. Fehler sind somit auch eine mögliche Quelle der Selbstreflexion und Rückbesinnung, was wiederum dabei hilft den Umgang mit Kritik (annehmen und geben) zu verbessern.

 

Gerade beim Streiten hält dies die Hierarchien flach, die Auseinandersetzungen laufen künftig wahrscheinlich nicht mehr so extrem ab. Sie gehören vielmehr natürlich zum Alltag und werden nicht als etwas Bedrohliches, sondern als ein emotionaler Meinungsaustausch gesehen. Der Unterschied hierbei ist, dass ich eine Meinung vertreten kann, ohne von ihr definiert zu werden. Langfristig kann das sogar beziehungserhaltend und intimitätsfördernd sein – denn wenn wir uns streiten, sind wir uns nahe. Unser Streitpartner bedeutet uns etwas, sonst würden wir die 'Mühe' des Streitens nicht auf uns nehmen. 

 

Was Streit und Scheitern unter anderem gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass wir beide mit negativen und unangenehmen Gefühlen verbinden und dabei an unsere persönlichen Grenzen stoßen. Wichtig ist, wie man dann mit der Situation umgeht: Sieht man den Streit und das Scheitern nicht nur als Misserfolg, sondern vielmehr als Chance, kann man aus Fehlern meist mehr lernen, als aus Erfolgen. Allerdings auch nur, wenn man sie ehrlich und offen analysiert und danach auch dementsprechend handelt. Denn dann sind der Streit und das Scheitern sogar bereichernd – sie helfen uns dabei, Probleme klarer zu sehen, diese anzusprechen, machen uns reifer und vor allem auch menschlicher!

 

Neugierig geworden? Mehr Informationen zum Thema Streitkultur findest du hier.

 


Celeste Meisel (r.) und Stella Kornfeld haben 2018 das Streitlabor, einen gemeinnütziger Verein zur Förderung der Streitkultur, ins Leben gerufen. Nachdem die beiden Design-Studentinnen bei der Erstellung ihrer Bachelorarbeit merkten, wie gut ihnen das Streiten tut, gründeten sie die Plattform und sind inzwischen Expertinnen in Sachen 'Streit'.

 

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