Erfolgsrezept: Motivation oder Zufall?

“I can’t stop. I won’t stop. Till I get to the top.“

“Great things never came from comfort zones.”

“I will either find a way or create one.”

 

Foto: unsplash
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Mehr als 4 Millionen öffentliche Beiträge finden sich auf Instagram unter dem Hashtag #motivationalquotes. Dutzende von sogenannten Erfolgscoaches werfen mit Begriffen wie „perseverance“ oder „comfort zone“ um sich und vereinen damit mehr als 10 Millionen Follower hinter ihren Accounts.

 

Nicht ohne Grund bietet sich gerade dieses soziale Netzwerk so für die Verbreitung der motivierenden Sprüche an. Keine andere Plattform wird so mit dem Trugbild der eigenen Selbstdarstellung in Verbindung gebracht, auf keiner werden mehr Fotos von Abschlusszeugnissen, Urlaubsmomenten, Verlobungsringen, schnellen Autos und anderen Statussymbolen geteilt, nirgendwo spielt die Ästhetik der Aufnahmen eine derart entscheidende Rolle wie auf Instagram. In diese Reihe von persönlichen Erfolgsstories fügen sich die Motivational Quotes nahtlos ein.

 

Zu schön ist die Vorstellung, als dass all die schönen Fotos nicht Ursprung des eigenen Strebens und des eigenen Bemühens sein könnten. Denn dies ist, was all diese Sprüche vereint: Die Botschaft, dass wir nur hart genug arbeiten müssen, um das, was wir uns vorgenommen haben, auch tatsächlich zu erreichen. Sie suggerieren, dass wir nur ausreichend Power und Motivation brauchen, um die Zusage für den Traumjob am Ende des Tages auch wirklich in der Tasche zu haben. Wer dies nicht schafft, hat wohl einfach nicht hart genug dafür gearbeitet: So die Message hinter all den klugen Sprüchen.

 

Was die ganzen Zitate und die damit verbundene Ideologie der selbstverwirklichten Erfolgsgeschichte vernachlässigen, ist die Tatsache, dass wir auf die allermeisten Dinge, die uns täglich ereilen, absolut gar keinen Einfluss haben. So ist teilweise schon ein verpasster Bus dafür verantwortlich, dass wir zu spät zum Vorstellungsgespräch erscheinen. Ein überraschender Krankheitsfall kann dazu führen, dass wir nicht wie gewohnt am Dienstag den Lottoschein mit den immer gleichen Zahlen abgeben. Eine Zufallsbegegnung beim Bäcker kann uns vergessen lassen, dass wir eigentlich vorhatten, einen wichtigen Brief einzuwerfen und eine falsche Wegbeschreibung in einer unbekannten Stadt dazu führen, dass wir ausgeraubt werden. All diese Dinge passieren täglich und nehmen, wenn auch unbewusst, einen entscheidenden Einfluss auf unser Leben.

 

Motivationssprüche vermitteln uns das Gefühl, ausschließlich selbst für unseren Erfolg verantwortlich zu sein, was impliziert, dass wir schlussendlich auch einfach selbst schuld am eigenen Misserfolg sind. Dahinter steht eine Ideologie, die keinen Platz lässt für unterschiedliche Hintergründe, verschiedene Lebensgeschichten oder so etwas Triviales wie den Zufall.

 

Natürlich ist es am Ende schöner, den eigenen Erfolg auf die harte Arbeit und das persönliche Talent zurückzuführen. Gerade in unserer Gesellschaft neigen wir dazu, alles Erreichte stets auf das eigene Können zurückzuführen. Führen wir uns aber mal vor Augen, in wie vielen Fällen der Zufall dazu beigetragen hat, dass wir genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit dem richtigen Menschen gesprochen haben, dann hinterfragen wir vielleicht die eine oder andere Gegebenheit. So stellen wir vielleicht fest, dass es am Ende nicht die herausragende Abschlussnote war, die uns den Praktikumsplatz in dem Traumunternehmen gesichert hat, sondern doch eher der alte Schulfreund-Kontakt unseres Vaters. Und auch die Entscheidung während des Studiums für einige Semester ins Ausland zu gehen, entsprang möglicherweise doch nicht zwangsläufig dem eigenen brillanten Verstand, sondern war ein Resultat aus Gesprächen mit Studienkollegen.

 

Was alle diese Dinge zeigen, ist, dass kein noch so guter Motivationsspruch in der Lage ist, uns Türen zu öffnen. Egal wie viele Instagram-Seiten wir auch abonniert haben mögen und wie viele solcher Zitate wir inzwischen schon auswendig aufsagen mögen können: Wir selbst sind am Ende gar nicht so sehr für den eigenen Erfolg verantwortlich, wie es uns vielleicht wünschen würden.

 

Das heißt am Ende nicht, dass wir uns auf dieser Erkenntnis ausruhen sollten. Im Gegenteil: Wir sollten tun, was wir tun, streben, wonach wir streben. Aber sollte es am Ende trotz all der harten Arbeit nicht reichen: Tja, dann sollte es wohl einfach nicht sein. Vielleicht macht es das uns in Zukunft ein wenig leichter, mit Niederlagen souveräner umzugehen.

 

Die Annahme, dass wir nur durch mentale Stärke allein in der Lage wären, durchzusetzen, was auch immer wir uns in den Kopf gesetzt haben, wäre, zu Ende gedacht, ja auch ein wenig vermessen, oder?

 

(jd)

 

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