Gründen ist wie heiraten

Smartphone fotografiert FuckupNights-Bühne
Foto: Raymond van Mil

Die Fuckup Nights haben es mittlerweile zu weltweiter Bekanntheit gebracht. Entstanden als Ergebnis einer geleerten Flasche Tequila und einer Gruppe von Freunden, die es satt hatten, ständig ausschließlich von ihren größten Erfolgen zu berichten, zählen heute mehr als 250 Fuckup Nights auf der ganzen Welt zu der Veranstaltungsreihe. Das gemeinsame Ziel: Fehler feiern, anstatt zu verstecken und das Stigma des Scheiterns endgültig zu überwinden.

 

Nachdem wir in der Vergangenheit bereits auf einigen Fuckup Nights in Berlin dabei sein durften, stattete Jule in der vergangenen Woche das erste Mal den Fuckup Nights Amsterdam einen Besuch ab. Und die Location bewies, dass Scheitern nicht immer hinter verschlossenen Türen passieren muss, sondern gerne auch einmal mit einem gewissen Glamourfaktor zelebriert werden kann. Auf der 360°-Bühne des futuristischen Co-Working Place ‘Spaces’  im Herzen Amsterdams konnten die drei Fuckupreneurs Sivan, Justus und Michael ihre Erlebnisse mit dem Publikum diskutieren.

 

Sivan Breemhaar, die Begründerin der nachhaltigen Fashionbrand Afriek hatte sich schon während ihres internationalen Konflikt-Studiums in Utrecht in den Kopf gesetzt, ihre Leidenschaft für Mode dafür zu nutzen, einen Unterschied zu machen. Ihre Designs sollten es in enger Kooperation mit ausgewählten Herstellern schaffen, mit Stereotypen über den afrikanischen Kontinent aufzuräumen. Sie reiste nach Ostafrika und begab sich auf die Suche nach Mustern, Schnitten und gleichberechtigten Kollaborationspartnern. Alles schien zu klappen. Sie fand einen Co-Designer und Hersteller vor Ort, gab erste Designs in Auftrag und fing an, in den Niederlanden nach Abnehmern zu suchen. Was sie nicht bedacht hatte: Während des Produktionsprozesses zwischen zwei Kontinenten gibt es vieles, das schief gehen kann. Die ersten Blazer, die in Auftrag gegeben wurden, kamen so mit Ärmeln zurück, die viel kürzer waren, als geplant. Die erste Kollektion, die bereits einem großen niederländischen Kaufhaus versprochen war, blieb auf dem Weg nach Europa bei einem Logistiker hängen und erreichte erst viel zu spät den Heimatflughafen. Ihre Message an dem Abend: Ohne einen Plan B in der Hinterhand zu haben, geht es nicht. Das gilt für die Modewelt genauso wie für alle anderen Bereiche des Lebens. Selbst bei akkuratester Planung gibt es immer Dinge, die nicht in unserer Hand liegen und deswegen schief gehen können. Es macht deswegen immer Sinn, noch eine weitere Option in der Hinterhand zu haben. Nur für den Fall. Man weiß ja nie.

 

Der Designer Justus Bruns und sein Businesspartner Mingus gründeten ihr Designbüro VOUW in Amsterdam mit der Vision, anders zu sein, als ihre Wettbewerber. Anstatt sich ausschließlich auf das Designen von Logos und Icons zu konzentrieren, beschlossen sie, offen für alle Formen von Kreationen zu sein. Den Auftrag für eine Lichtinstallation in Kuala Lumpur nahmen die beiden Niederländer an, ohne je zuvor mit Außeninstallationen zu tun gehabt zu haben. Was sich mithilfe von Photoshop leicht visualisieren ließ, stellte die beiden Businesspartner vor enorme Herausforderungen, als sie den Zuschlag für den Auftrag tatsächlich erhielten. Großer Zeitdruck, eine riesige Anzahl von eingeladenen Gästen, die die Lichtermeile am vereinbarten Eröffnungsdatum bewundern sollte, berühmte Persönlichkeiten auf der Gästeliste und Partner vor Ort, die Geld schuldig blieben, konnten die beiden nicht abhalten. Entgegen aller Widerstände schafften die zwei es letztendlich tatsächlich, das Projekt auf die Beine zu stellen. Heute haben sie ähnliche Installationen bereits für das Lightfestival in Amsterdam und ähnlich große Auftraggeber realisieren können und gelten als Experten auf ihrem Gebiet. Für Justus gibt es nur zwei Optionen, wenn er ein neues Projekt angeht: Entweder es klappt, oder er bekommt zumindest eine gute Geschichte dabei heraus. Angst vor dem Scheitern? Das kennen er und sein Gründungspartner Mingus nicht. Wenn es mal stressig wird, dann heißt es die Zähne zusammenzubeißen. Wenn es etwas gibt, das er dem Publikum an dem Abend gerne mitgeben würde, dann ist es Mut. Mut, die Dinge zu tun, für die man brennt, auf die man Lust hat. Denn nichts ist schlimmer, als sich am Ende die Frage stellen zu müssen, was gewesen wäre, wenn.

 

Der dritte Sprecher des Abends, Michael Jäger wuchs in einer Familie von Unternehmern auf. So lernte er schon früh, was es bedeutet, wenn der Job der Eltern an erster Stelle steht. Die Mutter risikofreudig, der Vater lieber abwartend, so beschreibt er die Gegensätzlichkeit seiner Familie. Als Langzeitstudent schien er lange nicht in die Fußstapfen der Gründereltern zu treten. Doch dann kam ihm die eine Idee, die all das für ihn ändern sollte. Er entwickelte ein Brillenmodell, das komplett ohne Schrauben auskam. Super leicht zu handhaben, weniger Montier- und Schraubarbeit als üblich, federleicht mit ungewöhnlichem Design. Sein Fuckup: Die Partnerwahl. Ein Kasten Heineken war es, der ihm zum Verhängnis wurde. Er teilte die Idee mit einem Studienfreund, stieß an auf die anstehende Patentanmeldung, holte ihn mit ins Boot. Ein großer Fehler. 20.000 Euro Schulden später steht er ohne Business da. Während Michael monatelang erfolglos gegen Hürden anrannte, die ihm das Patentamt und zahlreiche Mitbewerber in den Weg legten, kam von seinem Partner quasi keine Unterstützung. Das Einzige, das ihm vom Unternehmen bleibt, den Namen, verkauft er meistbietend. Sein Resümee heute: Gründen ist wie heiraten. Wenn es um persönliche Partnerschaften geht, überlegen wir uns ziemlich genau, mit wem wir Ringe austauschen. Das sollte in Business-Dingen genau so sein. Heute verdient Michael sich als Storyteller und Comedian seinen Lebensunterhalt. Den Weg ins Gründertum würde er aber wieder gehen, sollte sich die Chance noch einmal auftun.

 

Die drei Speaker schafften es, mit ihren Geschichten unterschiedliche Lösungsansätze für verschiedene Problembereiche vorzustellen. Die gegensätzlichen Lebensentwürfe und der offene Austausch mit dem Publikum machten den Abend definitiv zu einer Inspirationsquelle für alle Anwesenden.

 

(jd)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0