Das Guttenberg-Phänomen

“Ich habe, wie jeder andere auch, zu meinen Schwächen und Fehlern zu stehen. Zu großen und kleinen im politischen Handeln, bis hin zum Schreiben meiner Doktorarbeit. Und mir war immer wichtig, diese vor der Öffentlichkeit nicht zu verbergen. Deswegen habe ich mich aufrichtig bei all jenen entschuldigt, die ich aufgrund meiner Fehler und Versäumnisse verletzt habe”. 01. März 2011 (Karl-Theodor zu Guttenberg)

Foto: unsplash
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Es gibt wohl keine andere Branche, in der ein Fehler solch brutale Konsequenzen haben kann, wie auf der politischen Bühne. Wenn man verstehen will, wie Menschen und Parteien Wahlen gewinnen, dann wird es auch immer um die Suche nach den Fehlern einzelner Akteure gehen.

 

Somit stellt sich die Frage, wie sehr das ungesunde Verhältnis zwischen Mut, Angst und Gefahr vor Fehlern für Menschen in der Politik zum Verhängnis werden kann. (Dr.) Karl-Theodor von und zu Guttenberg ist wohl das prominenteste Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit in Deutschland. Der ehemalige “Wunderknabe” aus Bayern marschierte im Eiltempo durch die politische Landschaft. Die Etappen im Wirtschafts- und später Verteidigungsministerium sollten nach Auffassung politischer Beobachter nur Zwischenstationen auf dem Weg nach oben sein. Doch die Plagiatsaffäre im Bezug auf seine Doktorarbeit an der Uni Bayreuth stoppte den Überflieger der CSU auf der Überholspur Richtung Kanzleramt.

 

Trotz versuchter Erklärungen im Bundestag und in den Leitmedien konnte sich auch Guttenberg nicht den Gesetzen der Macht widersetzen. Somit kam es, wie erwartet, zu seinem späteren Rücktritt als Minister und dem Rückzug aus der deutschen Politik.

 

Da stellt sich die Frage, inwiefern wir alle mit Fehlern in der Öffentlichkeit umgehen. Menschen, die politische Verantwortung tragen und in den Medien auftreten, unterstehen einer gewissen Kontrolle durch Journalisten, politische Mitstreiter und die Bürger. Dieser eigenständige Prozess ist die Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft und Demokratie. Doch oft verschwimmen dann die Grenzen zwischen politischer und fachlicher Beurteilung und persönlichen, medial inszenierten Bewertungen. Im gegenwärtigen Wahlkampf spielt das Negative Campaigning eine zentrale Rolle. Die Suche nach persönlichen Fehlern des Gegenübers wird konsequent ausgeführt. In den Parteizentralen werden eigene Fachbereiche zusammengestellt, welche sich nur damit beschäftigen, die Konkurrenz zu beobachten, zu analysieren und daraus im Endeffekt zu profitieren. Berater sprechen sogar davon, dass nicht die Stärke des Spitzenkandidaten die Wahl entscheidet, sondern vielmehr die Schwäche und die Fehler der Konkurrenz. Somit werden die Schlagzeilen in den Medien in einem längst entschiedenen Wahlkampf mit persönlichen Geschichten und möglichen Konsequenzen gefüllt.

 

Nun mag man das Beispiel um Guttenberg unterschiedlich bewerten. Fachlich gesehen gab es auch unabhängig von der Plagiatsaffäre Kritik an seiner Politik, der Bundeswehrreform beispielsweise oder dem militärischen Einsatz in Kunduz. Doch klar muss auch sein, dass seine politischen Gegner diese Chance genutzt haben, um ihn als Person und Verantwortlichen zu vernichten. Den Höhepunkt der Debatte war wohl die aktuelle Stunde im Bundestag, welche sich fast ausschließlich mit der Vergangenheit seiner wissenschaftlichen Arbeit auseinandersetzte. Von politischer Vernunft und inhaltlicher Auseinandersetzung bisheriger Verteidigungspolitik war keine Rede mehr.

 

Interessant zu beobachten ist, wie Menschen mit Fehlern auf der politischen Bühne umgehen. Die obligatorische Rücktrittsrede soll dabei das Eingestehen dieser Fehler erklären, entschuldigen, aber zum Teil auch relativeren. Zudem ist die öffentliche Erklärung eine Grundvoraussetzung, den eigenen Selbstreinigungsprozess seiner Person zu ermöglichen. Es gehört für uns auch im Alltag dazu, eigene Fehler selbst zu erkennen und uns selbst einzugestehen. Doch wie so oft werden Affären in der Politik ausgesessen, die beste Taktik um sein eigenes Amt zu retten und die eigene Existenz zu erhalten. Der Rücktritt ist für Menschen in der Politik wohl das Endzeitszenario. Keiner will es, aber oft kann es auch als eine Art Befreiung für die Verantwortlichen wirken.

 

So auch bei Guttenberg, welcher nach seinem Rücktritt mit der Familie im Gepäck temporär nach Amerika auswanderte. Dort wird die Fehlerkultur im Vergleich zum konservativen Deutschland offensiver auslebt und die Chance auf einen Neustart ermöglicht. Diese Chance hat Guttenberg genutzt, wurde durch seine fachliche Kompetenz mit offenen Armen empfangen und konnte sich mit einer eigenen Beratungsfirma in New York wieder selbst neu aufstellen. Doch diese Zeit wirkt jetzt im Rückblick eher als eine Art Rehabilitationsphase: Eine Phase, in der die Person und Marke Guttenberg in Deutschland in Vergessenheit geraten sollte, um seine politische Wiedergeburt bei der CSU zu ermöglichen.

 

Pünktlich zum Wahlkampf im Sommer 2017 tauchte Guttenberg auf einmal wieder in bayerischen Bierzelten auf und bewertete aus seiner externen und amerikanischen Sichtweise notwendige Handlungsstrategien für die Konservativen im Lande. Interessant ist auch, wie Guttenberg selbst dabei mit seinem Fehler umgeht. Meist zu Beginn seiner Reden und Ansprachen greift er offensiv, zum Teil humoristisch seine Affäre auf. Er steht dazu, will damit aber auch den Endpunkt der Debatte setzen:"Ich habe alle Konsequenzen ertragen. Aber ich darf auch nach so langer Zeit für mich sagen, jetzt ist auch mal irgendwann gut."

 

Doch wer entscheidet, wann die Gesellschaft und Öffentlichkeit bereit ist, den persönlichen Fehler zu verzeihen? Insbesondere in den elitären Kreisen von Politik und Wirtschaft wird das “fehlerfreie” Arbeiten immer noch als Kompetenz gefordert und gefeiert. Umso mehr zeigt es uns auf, wie wichtig eine natürliche Fehlerkultur in der Gesellschaft und im gegenwärtigen Wahlkampf sein muss, um auch die Wahrnehmung von politischen Entscheidungsträger durch die Wähler wieder positiv zu beeinflussen. Wir alle wissen, dass eigene Fehler in allen Arbeitsbereichen dazu gehören. Dazu gehört auch, mit seiner eigenen politischen Idee oder Vision zu scheitern.

 

Guttenberg versucht es dabei mit der amerikanischen Perspektive, den Fehler als Chance zu nutzen und vielleicht daraus zu wachsen. Im bayerischen Flächenland und Heimspielort der CSU mag das funktionieren. Doch die Uhren und Mechanismen im Zentrum der Macht verlaufen anders. Die dafür notwendige Fehlerkultur scheint zurzeit noch eine Wunschvorstellung zu sein. Ob Karl-Theodor zu Guttenberg diese Kultur brechen kann, wird sich zeigen.

 

(fh)


 

Zur Person: Karl-Theodor von und zu Guttenberg, geboren 1971 in München, stammt aus der fränkischen Adelsfamilie Guttenberg ab. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaft in Bayreuth und der Politikwissenschaft in München verwaltete Guttenberg als Gesellschafter die familieneigene Guttenberg GmbH. Als CSU-Mitglied engagierte er sich auf regionaler und lokaler Ebene und zog im Jahr 2002 als Direktkandidat in den deutschen Bundestag ein. Es folgten einige Positionen als Generalsekretär der Partei und später auch Ministerämter für Wirtschaft und Verteidigung. Im März 2011 erklärte Guttenberg aufgrund der Plagiatsaffäre seiner Dissertation den Rücktritt von allen politischen Ämtern. Anschließend zog er zusammen mit seiner Familie in die USA und arbeitete dort als selbständiger Berater in New York. Im Oktober 2015 berief der bayerische Ministerpräsident Seehofer Guttenberg in sein Kompetenzteam für die Bundestagswahl 2017.

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