Höher, schneller, weiter und der letzte Sprung mit 22 Jahren

Toni Innauer steht auf der Bühne im Rampenlicht und wirkt auf sein Publikum entspannt, aber konzentriert. Bei seinen zahlreichen Vorträgen und Impulsreferaten berichtet er von seiner eigenen Sportlergeschichte, von seinen Erfolgen, aber auch von seinen Niederlagen. Das Momentum seiner Geschichte erlebte Innauer als junger Sportler mit dem Sturz auf der Skisprungschanze. Mit 22 Jahren endet seine Sportlerlaufbahn, er fühlte sich machtlos und vom Schicksal ungerecht behandelt. In diesem Moment, so Innauer, werden deine Ziele und die Planung deiner persönlichen Entwicklung komplett auf den Kopf gestellt. Er selber hat im Moment des Sturzes genau gewusst, dass nun das Ende seiner aktiven Zeit als Sportler gekommen war. Vielleicht wurde ihm in diesem Moment aber auch klar, dass ein Sturz auch ohne eigenen technischen Fehler jederzeit passieren kann und durch mangelnde Sicherheitsvorkehrungen das Risiko einer Verletzung allgegenwärtig war.

 

Somit steht man mit Anfang 20 vor der Neuplanung seines Lebens. Nach ersten Überlegungen, ob Rechtswissenschaft als Studium vielleicht doch eine Alternative wäre, entschied er sich für sein gewohntes Umfeld und für seine Leidenschaft. Sport sollte auch in Zukunft Mittelpunkt seines Lebens sein und er absolvierte in Verbindung mit Philosophie und Psychologie ein Lehramtsstudium. Das Studium selbst ermöglichte Innauer auch, den Umgang mit Niederlagen und persönlichen Rückschlägen zu optimieren. Die Ergebnisse dieser Erfahrungen und Analysen konnten dann in den weiteren Lebensweg einfließen, um als Führungskraft in schwierigen Situationen und Herausforderungen sicher zu reagieren und zu entscheiden.

 

Foto: Toni Innauer (privat)
Foto: Toni Innauer (privat)

Einige dieser Herausforderungen sind die Stationen als Lehrer, Nationaltrainer und Sportdirektor und die heutigen Tätigkeiten als Berater, Vortragender und Unternehmer. Vor allem im Umgang mit jungen Menschen in Ausbildung und Lehre ist es essentiell, Fehler gemeinsam im Verhältnis von Lehrer und Schüler zu analysieren und diese als Orientierungshilfe zu erkennen, statt sie zu verdrängen.

 

Im Skisprungsport müssen insbesondere die Schwierigkeit und Größe der Schanze und somit die Herausforderung mit Bedacht in Absprache mit dem Trainer ausgewählt werden, so Innauer. „Viele Springer wollen schon in jungen Jahren die sogenannten ,100 Meter'-Marke auf der Schanze knacken und überschätzen sich schon gerne einmal selbst”. Er selber hat mit seinen Schützlingen, beispielsweise mit dem späteren österreichischen Topathleten Gregor Schlierenzauer, oft eher absichtlich die Marke für den nächsten Sprung etwas niedriger gesetzt, um die Bewältigungsüberzeugung für den nächsten großen Schritt und Sprung zu steigern.

 

 

Eine interessante Aussage, die vielleicht sogar der einen oder anderen Motivationsregel widerspricht, immer nach dem nächstmöglich Besseren oder Schwereren zu streben, um bisher Unerreichbares möglich zu machen. Das Scheitern soll dadurch nicht willkürlich geschehen, sondern sollte bei vernünftiger Vorbereitung immer im Rahmen des Kalkulierbaren bleiben. Dadurch bekam er selber auch früher schon als Sportler nie das Gefühl der Angst kurz vor dem Sprung auf der Schanze. Für uns als Laien oft auch nur schwer vorstellbar, wie Angst und Respekt in diesem Moment auf dem höchsten Punkt der Schanze, mit der konkreten Absicht sich gleich mit über 100 km/h dem Abgrund entgegen zu stürzen, keine Rolle spielen sollen. Doch dieses Beispiel zeigt uns, dass Angst in unseren Köpfen erzeugt wird und wie man als Herausforderung mit entsprechender Vorbereitung damit umgehen kann. Durch ein kontinuierliches Aufbauen von Mut und Selbstvertrauen im Training wird die Angst auf professionelle Art und Weise langsam weniger wirksam und somit erfolgreich bekämpft.

 

Im Bezug zur Fehlerkultur und dem Mut zum Scheitern kann der Sport im Allgemeinen einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten. In der Ausbildung und Lehre ist die vernünftige Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit enorm wichtig, um die Selbstkompetenz entwickeln zu können, aus Rückschlägen und Niederlagen langfristig gestärkt herauszutreten. Vor allem das Thema Social Media, so Innauer, hindere junge Menschen daran, Selbstkompetenz und Urteilsfähigkeit in sich selber zu entwickeln. Zu starke Beeinflussung durch die sozialen Netzwerke verstärke eher den Effekt, sich durch andere Menschen von seiner eigenen Wahrnehmung zu entfernen. In schwierigen Zeiten besteht somit die Gefahr, sich als Person nicht richtig reflektieren und einschätzen zu können.  

 

Diese Aussagen bestärken die Notwendigkeit, dass wir das Thema einer gesunden Fehlerkultur mit langfristiger Analyse und Konsequenz in der gesamten Gesellschaft und durch alle Gesellschaftsschichten hindurch diskutieren müssen. Oft wirken diese Gesprächskreise doch etwas elitär und geschlossen. Doch schon lange ist die Thematik keine Nische in der Tiefenpsychologie mehr, sondern gehört in die Diskussionskultur von Bildung, Karriere und Gesundheit. Toni Innauer selber trägt auch heute noch seinen Beitrag dazu bei, indem er sich die Zeit nimmt, mit jungen Menschen im Austausch zu stehen und die Geschichten zu erzählen, die auch fernab des Siegerfotos mit der Goldmedaille 1980 geschrieben worden sind.

 

(fh)

 


Foto: Business School Berlin
Foto: Business School Berlin

 

Über die Person Toni Innauer: Jahrgang 1958, geboren im österreichischen Bezau, startete mit 15 Jahren seine Karriere als Skispringer auf Weltklasseniveau, welche nach Silber- und Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen mit 22 Jahren aufgrund schwerer Verletzungen beendet werden musste. Anschließend studierte er an der Uni Innsbruck und Graz Sport und Philosophie/Psychologie auf Lehramt und schloss mit einem Magister ab. Nach seiner akademischen Ausbildung folgten einige Trainerstellen und Managementaufgaben im österreichischen Profisport. Heute kommentiert er als TV-Experte im ZDF den Skisport. Zudem agiert Innauer gegenwärtig als Autor, Berater und Speaker. Innauer ist Geschäftsführer bei “innauer+facts”.

 

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