Keine Angst vor dem Gerichtsvollzieher

Saralisa Volm schwarz-weiß
Foto: Kirsten Becken

Ich treffe Saralisa Volm an einem nasskalten Januarabend im Westen Berlins. Unweit vom Kurfürstendamm, der Flaniermeile der Schönen und Reichen, bestellt sie frischen Ingwer-Minztee und erzählt mir sicher keine ganz klassische Geschichte über’s Scheitern. Vielmehr wird es ein Gespräch über ihre Sehnsucht nach Anerkennung und Bestätigung, über den großen Kontrast zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung und ihrem nicht vorhandenen Bedürfnis nach Sicherheit.

 

Saralisa Volm hat ihren Traum wahr werden lassen. Schon in jungen Jahren träumte sie davon, einmal selbst vor der Kamera zu stehen. Diese Leidenschaft für den Film und die Schauspielerei lebt sie heute voll und ganz aus. Doch aller Anfang war schwer. Volm, aufgewachsen in Bayern, weit weg von Glanz und Gloria der Filmindustrie, studierte Kunstgeschichte und Philosophie und arbeitete nebenbei im Einzelhandel. Der Nebenjob als Verkäuferin sollte jedoch die Eintrittskarte in die Welt des Films sein. So hört man ja nicht selten die Geschichte, dass Musiker oder Schauspieler durch Zufall entdeckt werden. In ihrer Geschichte war es Klaus Lemke, Film-Koryphäe in den 70er und 80er Jahren, der sie im Laden sah, ansprach und direkt zur Hauptdarstellerin machte.

 

Die Philosophie von Lemke lebt Volm heute noch: Die prinzipielle Haltung, einen Film aus eigener Überzeugung zu machen, unabhängig davon, was andere wollen oder darüber denken. Doch diese Überzeugung braucht starke Nerven und Ausdauer. Ihr Mentor Lemke ist dafür bekannt, den einen oder anderen Film am Ende nicht zu veröffentlichen. “Umso härter ist es dann, wenn du schon über zwei Monate alles fertig gedreht hast und dann ohne Geld, ohne Film und ohne Anerkennung dastehst. Dann brauchst du ein paar Monate, um wieder aufzustehen. Doch der finanzielle Druck bleibt. Auch wenn du keine Lust hast aufzustehen, musst du gucken, wie du überlebst”.

 

Wenn Saralisa von ihrer Anfangszeit erzählt, dann spricht sie von einem Kampf um Aufmerksamkeit und den Umgang mit dem alltäglichen Scheitern. Nur dass ihr Umfeld und der Bekanntenkreis nicht viel von den Schattenseiten im Leben einer Künstlerin mitbekam. “Nach außen wird dann oft nur kommuniziert, dass man die Rolle bekommen hat oder diesen neuen Film gedreht hat. Von den 16 Absagen weiß keiner etwas. Dadurch entsteht eine verschobene Innen- und Außenwahrnehmung”. Somit verbirgt sich hinter ihrer persönlichen Definition des Scheiterns nicht der eine große Fuckup. Vielmehr sind es die kleinen Dinge im Alltag, die sie schon oft verzweifeln lassen haben.

 

Doch Saralisa strahlt während des Gesprächs eine innere Ruhe aus, die eine Art Zufriedenheit und Stabilität abbildet. Das strahlt sie auch auf ihre Mitmenschen aus. Eine gute Freundin war überzeugt davon, dass sie funktioniert, nie weint und dass das Geschäft läuft. So eine Wahrnehmung schockiert Saralisa selber etwas. Wie oft war sie selber niedergeschlagen, jeden Tag auf’s Neue gibt es Rückschläge, die sie verkraften und verarbeiten muss. Dieser Teil des alltäglichen Wahnsinns transportiert sich aber oft nicht in die Außenwelt.

 

Wenn man Saralisa mit Existenzängsten und der Ungewissheit der Branche konfrontiert, dann gibt es für sie nur den einen Weg, mit Mut durch die Angst zu gehen. Für viele Menschen in diesem Business ist es auch die einzige Chance, das zu bekommen, nach dem sie sich so stark sehnen. “Diese Menschen haben dann Angst davor, keine oder wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Somit ist die einzige Möglichkeit, durch die Angst zu gehen und das zu erreichen, was du brauchst.” Dieses Verhaltensmuster findet sich im Rahmen der Schauspielerei und im Film sehr oft wider. So wirkt der Applaus vom Publikum, von den Kollegen oder vom Umfeld wie eine ganz persönliche Belohnung dafür, die Angst vor dem Ungewissen besiegt zu haben.

 

Doch Volm will sich nicht vom Applaus anderer abhängig machen und verteilt ihre Arbeit auf verschiedene Bereiche. Dazu gehört die gegründete Produktionsfirma POISON, die Tätigkeit als Autorin und freie Kuratorin für Ausstellungen und Events sowie ihr Beruf als Schauspielerin. Dieses Netz an Vielfalt und Abwechslung schafft auch eine Grundstabilität, falls ein Job oder Auftrag mal wegfällt. “Aber es muss einem klar sein, dass es keine Garantie für Erfolg und Anerkennung gibt. Gerade beim Film. Wir machen da Prototypen. An sich ist es immer ein Experiment und Versuch. Ich bin aber einfach auch ein Mensch, der nicht so viel Angst hat, also keine Angst vor dem Gerichtsvollzieher oder so”. Trotz der vielen Risiken und der Ungewissheit des Erfolgs gibt es für Volm keine Sicherheit der Welt, die das ausgleichen könnte, was sie fühlt, wenn sie selber einen Film drehen oder in einem mitspielen kann.

 

Schaut man sich Volms Projekte genauer an, dann nehmen gesellschaftliche Themen wie der moderne Feminismus und das Verständnis von klassischen Rollenbilder eine wichtige Rolle ein. Dabei betont sie immer, dass die klassischen Rollenbilder der Gesellschaft nicht nur ein Gefängnis für Frauen sind, sondern auch für Männer. Oft werden mutigen Frauen dann einfach männliche Attribute zugeschrieben, weil sie besonders risikofreudig sind und somit vielleicht auch weniger Angst vor Rückschlägen und dem Scheitern haben. Doch diese Zuordnung von geschlechtsspezifischen Attributen sieht Saralisa sehr kritisch: “Ich halte nichts von dieser Diskussion darüber, welches Geschlecht oder welches Rollenbild ängstlicher, mutiger, strenger oder konsequenter sein soll. Vielmehr müssen wir von allen Seiten eine Akzeptanz schaffen, auch über die Schattenseite mancher beruflichen Karrieren zu sprechen. Dass man kein Roboter ohne Fehler und Makel sein muss, um in den Vorstand eines DAX-30 Unternehmens zu kommen. Da muss aber eine Kultur entstehen, wo ich keine Angst vor meinen Mitmenschen habe und auch offen scheitern darf”.

 

Volm achtet dabei sehr genau darauf, dass sie nicht von einem Stereotypen spricht und in jeder Formulierung stets differenziert. Sie beschreibt kulturelle Werte, die sich in der Art der Führung, in der Kommunikation und auch in der Definition von Erfolg stark unterscheiden können. Am Ende, so Volm, macht diese Vielfalt unsere Gesellschaft aus. Sich eben nicht diktieren zu lassen, welcher Beruf oder welcher Werdegang Erfolg oder Geld verspricht. Vielmehr muss man bereit sein, seinen eigenen Weg konsequent zu gehen.

 

Diesen Weg geht sie auch mit ihrem neuen Account auf Instagram, 365_imperfections. Den Impuls für die Idee dieses neuen Projektes hat sie durch ein Facebook-Posting bekommen. Ein junger Mann musste seine Freundin aufbauen, da diese aufgrund einer Jobabsage frustriert zu Hause saß. Seine Freundin fühlte sich gegenüber ihrem erfolgreichen Freund schwach und wertlos. Er suchte als Reaktion darauf alle Absagen heraus, die er in der jüngsten Vergangenheit bekommen hat und zeigte ihr damit, wie lang und hart der Weg hin zum Erfolg wirklich war. Diese Geschichte hat Volm inspiriert. Zu oft ertappte sie sich dabei, wie stark sie auf ihr Umfeld schaute und nur die Erfolge ihrer Mitmenschen wahrnahm, nicht die Schattenseiten und Niederlagen. Dieses Gefühl der Balance fehlte ihr in der eigenen Wahrnehmung. Somit startete sie den Kanal zum neuen Jahr und veröffentlicht nun jeden Tag eine persönliche Story samt Bild auf Instagram. In einigen Fällen ist es ein ehrlicher Fuckup, am nächsten Tag reflektiert sie kritisch die Außenwahrnehmung des Scheiterns oder ihre Gedanken. Sie erzählt Geschichten über die unperfekte Seite des Lebens.

 

Der Kanal wirkt auf den ersten Blick wie eine Provokation an alle Feel-Good-Influencer. Statt Urlaubsfotos wird der triste Blick aus dem Büro gezeigt. Das inszenierte Bikinifoto wird durch ein Selfie mit Doppelkinn ersetzt. Die Bildsprache wirkt authentisch, klar und zum Teil etwas verstörend. Diese ganze Ehrlichkeit ist ungewöhnlich für Instagram. Saralisa selber hält aber nichts von dem Vorurteil, dass Instagram nur die schönen Seiten des Lebens abbildet: “Am Ende bildet Instagram auch nur das reale Leben ab. Hier auf dem Kurfürstendamm laufen genauso viele gefakte Leute rum. Das echte Leben ist auch sehr oft inszeniert. Geld geliehen, Wagen geleast, Foto gemacht”. Vielmehr kommt es auf die eigene Filterblase, bzw. auf die Menschen an, die sich im eigenen Netzwerk befinden. Auf dieser Plattform sind auch Menschen zu finden, die Bilder nutzen, um sehr ernste Themen zu diskutieren. “Dazu gehört der Umgang mit psychischen Erkrankungen oder körperlichen Makeln. Diese User nutzen den Kanal, um eine Emotion und eine bestimmte Wahrnehmung zu transportieren”. Saralisa kann sich in Zukunft auch vorstellen, anderen Personen einen Platz in ihrem unperfekten Kanal zu bieten, um sich für eine Woche der Realität zu stellen.

 

Saralisas Geschichte, ihr Werdegang und die Themen ihrer Projekte spiegeln ihre authentische und bewusste Unperfektion wider. Vor allem die Leichtigkeit, mit der sie auch heute noch Herausforderungen und Existenzängste bewältigt, ist bewundernswert. Meine Außenwahrnehmung einer Schauspielerin wurde mit einem interessanten Einblick in das Leben ihrer Person doch entscheidend verändert. Ihre Geschichte sollte uns allen Mut geben, sich öfter der Realität zu stellen und keine Angst vor dem Unperfekten zu haben.

 

(fh)


Saralisa Volm Porträt
Foto: Svenja Trierscheid

Saralisa Volm (33) ist Schauspielerin, Produzentin und Autorin. Zu den bekanntesten Filmen als Hauptdarstellerin gehören Finale und Hotel-Desire (mit Clemens Schick und Palina Rojinski). Nach der Gründung ihrer Produktionsfirma POISON produzierte sie mit Fikkefuchs 2017 ihren ersten Langfilm. Zudem hat Volm mit "Mamabeat" und "Puff! Platsch! Peng! Mit 52 Experimenten durch das Jahr" zwei Bücher als Autorin veröffentlicht.

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