"Erst Leidensdruck schafft echte Veränderung"

Julian, in Indien
Foto: privat

Julian ist 19, als er beschließt, dass es so nicht weitergehen kann. Studium, Start-up, die erste richtige Beziehung. Alles scheint mehr Kraft zu rauben, als Energie zu spenden. Er lässt alles hinter sich und zieht aus Zürich zurück in die Heimatstadt Kassel. Im Gepäck das abgebrochene Studium, die gescheiterte Beziehung und der geplatzte Traum des eigenen Unternehmens. Gescheitert. Aber so richtig.

 

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Die Schule hatte er mit Bravour und ohne allzu großen Aufwand abgeschlossen. Nebenbei hatte er sich bereits voll in die Umsetzung der eigenen Unternehmensgründung gestürzt. Alles schien machbar, die Welt nur auf ihn und seine Ideen zu warten. 

 

Seine Vision, so einfach wie auch ambitioniert: Das deutsche Bildungssystem zu revolutionieren. All die Schwächen hatte er schließlich hautnah und am eigenen Leib erlebt. 30 Schüler, nur ein Lehrer, meist chronisch überfordert oder schon längst desillusioniert und nur noch auf den Ruhestand wartend. Schüler endlich individuell und entsprechend ihrer Leistungen und Fähigkeiten zu fördern. Das ist die Idee, die ihn zum neuen Mark Zuckerberg machen soll. „Wenn sowohl Anforderungen und Fähigkeiten hoch sind, dann ist man erfolgreich, dann befindet man sich im Flow-Zustand, will unbedingt lernen und hat dabei Erfolg“, erklärt er. Das Computerspiel, das ihm vorschwebt, schafft genau das. Es passt sich individuell an die Fähigkeiten des Spielenden an und löst so den Reiz aus, dranzubleiben und weiter zu lernen.

 

Die Idee ist gut, schnell findet er Unterstützer. Ein Programmierer mit fünfjähriger Berufserfahrung erklärt sich bereit, den technischen Teil zu übernehmen. Das Social Impact Lab in Frankfurt spendiert Platz zum Arbeiten im eigenen Co-Working-Space. Alles scheint aufzugehen, die Vision Zuckerberg nur noch einen Katzensprung entfernt.

Dann der harte Clash mit der Realität.

 

„Das Gute ist vielleicht, dass es so weh tut, weil man erst dann in der Lage ist, sich mit den Themen auseinanderzusetzen, weil es einfach nicht mehr weitergeht“, sagt Julian heute rückblickend. Eine Verhaltensänderung tritt erst ein, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Woran man merkt, dass dieser Punkt erreicht ist? Wann es so richtig losging, kann er heute nicht mehr so genau sagen. Nach dem Umzug nach Zürich merkt er schnell, dass die Uni mehr von ihm fordert, als er es noch aus der Schule gewohnt ist. Die ersten Prüfungen kommen. Er fällt durch. Auf einmal steigt der Druck. Die erste große Liebe scheitert. Und auf einmal steht Julian auch vor Problemen, was sein Start-up anbelangt.

 

Statt wirklich loszulegen und an den technischen Details zu arbeiten, bleibt vieles eine gute Idee. Heute sagt er, dass er vielmehr an der Vision gearbeitet hat als an dem eigentlichen Produkt. Das Know-how für Gamedesign und Programmieren fehlte. Die Vision von dem jungen Gründertum platzt. Er scheitert an den Herausforderungen des echten Lebens.

 

Die Folge von Liebeskummer und dem Scheitern der Start-up-Idee ist etwas, das Julian heute als Panikattacken beschreibt. Schlafstörungen und Herzrasen. Er sucht das Gespräch mit einem Vertrauensdozenten, berichtet von seinen Beschwerden und von dem Wunsch, sich um einen Therapieplatz zu bemühen. Die Antwort: „Tun Sie, was Ihnen guttut, aber Bundespräsident können Sie dann nicht mehr werden“. Was nach einer harten Zurückweisung klingt, ist gut gemeint. Der Dozent mag Julian, kennt seine großen Pläne und Visionen. Diese wegen eines Therapieplatzes irgendwann nicht mehr umsetzen zu können, das will Julian nicht riskieren. Er beschließt, es mithilfe der Unterstützung seiner Freunde und Familie, alleine zu versuchen.

 

Mediation ist sein Geheimrezept. Durch Atemübungen schafft er es schließlich, der endlosen Gedankenschleife zu entkommen, einfach mal nicht zu denken. Den Kopf freizubekommen. Das ist etwas, das ihm noch heute hilft, wenn das Gedankenkarussell wieder loslegt. „Es geht darum, Ruhe reinzubringen, anstatt auf Gedanken herumzukauen und alles zu zerdenken“, sagt er. Der Weggang aus Zürich tut weh, schafft aber genau das. Ruhe. Ein Neuanfang.

 

Heute kann Julian gelassen auf seine Zeit in der Schweiz zurückschauen. Alles, was damals schief lief, hilft ihm heute bei seiner Arbeit in einem Start-up, das sich die nachhaltige Produktion von Luxusmode zum Ziel gemacht hat. Ob er denkt, dass ihm die Erfahrungen von damals heute in einer ähnlichen Situation weiterhelfen würden? Für die erste Erkenntnis, dass etwas getan werden muss, wahrscheinlich schon, meint er. Allerdings bleibt dann immer noch die viel größere Herausforderung, etwas auch tatsächlich umzusetzen. Wichtig ist ihm deswegen heute, nicht mehr nur langfristig zu planen und sich nicht ausschließlich in den Visionen zu verlieren. Kurzfristig dranzubleiben, das ist Kunst. Routinen helfen ihm dabei: „Wenn die nicht eingehalten werden, merke ich schnell, wie leicht ich da wieder herauskomme. So wie es ist heute, das ist immer noch ein täglicher Kampf mit dem Schweinehund. Leichter wird es nicht.“

 

In der Hinterhand hat er heute eine Checkliste. Die soll im Ernstfall helfen, den Kopf nicht zu verlieren. Punkt 1: Ruhe hineinbringen. Wenn schon alle möglichen Optionen das x-te Mal gegeneinander abgewogen wurden und Gedanken den Schlaf rauben, ist es Zeit, die Pausentaste zu drücken. Mediation hilft. Anleitungen sind zahlreich auf YouTube zu finden. Punkt 2: Aufschreiben, was einen beschäftigt: „Worte schärfen. Wenn wir etwas aufschreiben, müssen wir tief graben und ehrlich zu uns sein. Formulieren, was wirklich Sache ist.“ Den gleichen Effekt haben auch Gespräche mit einem guten Freund. Jemand, der sich nicht scheut, einem den Spiegel vorzuhalten. Punkt 3: Punkte herausarbeiten, die sich umsetzen lassen. Wichtig ist, sich selbst zu kennen, die möglichen Ausreden bereits im Voraus durchzugehen und Strategien zu entwickeln, um diesen vorzubeugen.

 

„Wir werden immer Scheitern und es wird immer wieder weh tun“, sagt Julian heute. Rückblickend hat ihm sehr geholfen zu verstehen, was damals genau schiefgelaufen ist: “Wenn einem gewisse Dinge lange Zeit sehr leicht fallen, kommt man in eine sehr verkürzte Denkweise, in der man fest davon überzeugt ist, etwas zu können. Stößt man dann auf Probleme, greift das das eigene Selbstbild an. Das kann sehr schmerzhaft sein. Auf solche Herausforderung wird man allerdings immer stoßen. Deswegen halte ich es für sinnvoll, immer zu hinterfragen, was man vermeintlich beherrscht und danach zu suchen, woran man doch noch wachsen kann.”

 

Der Traum vom eigenen Unternehmen ist für Julian trotz der vielen Rückschläge noch immer nicht ganz gestorben. Viele Ansätze, die er in der Vergangenheit verfolgt hat, entdeckt er heute in anderen Projekten wieder. Und sollte er sich schlussendlich doch gegen das Gründertum entscheiden, so ist das Thema ‘Bundespräsidentschaft’ ja immer noch nicht vom Tisch.

 

(jd)

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