Nomaika - Scheitern nicht erlaubt

Brandenburger Tor in Berlin
foto: unsplash

In der Nacht zu Montag, kurz nach Mitternacht war es offiziell. Christian Lindner zögerte nach seinem Pressestatement einen Moment, seine Augen suchten nach einem Fixpunkt in der Masse, den er aber im Blitzlichtgewitter nicht finden konnte. Er verabschiedete sich mit den Worten „Auf Wiedersehen“, stieg in seine Limousine und lies ein politisches Beben zurück.

 

Die Medien titeln: “Die Jamaika-Verhandlungen sind gescheitert.” “Scheitern in Zeitlupe.” “Deutsche Politik ist gescheitert.” “Angela Merkel muss Niederlage eingestehen.” “Ist Frau Merkel gescheitert?” “Wie geht es weiter nach dem Scheitern?” “Das System Merkel ist gescheitert.” “Merkels Niederlage.” “Die FDP lässt Jamaika scheitern.” “Alle sind gescheitert.”

 

Noch nie wurde wohl so aktiv und brutal über das Scheitern geschrieben und gesprochen, wie nach den plötzlich geplatzten Sondierungsgesprächen. Das Keyword „scheitern“ wird durch den Google-Algorithmus politisiert und mit all den Gerüchten und Geschichten über den Abbruch der Gespräche ausgeschmückt. Doch wer ist hier überhaupt gescheitert und was für eine Wirkung hat die inflationäre Verwendung des Wortes auf unseren Sprachgebrauch?

 

Wenn wir über das Scheitern sprechen, dann entstehen oft sehr abstrakte Vorstellungen in unseren Köpfen. Wir erinnern uns dann an an einige emotionale Momente unserer Vergangenheit. In solchen Situationen denken wir an eine schmerzliche Trennung oder unser abgebrochenes Studium. Diese emotionalen Ereignisse und persönliche Geschichten gehören auch zum Kerngeschäft der politischen und gesellschaftlichen Berichterstattung.

 

Vor allem negative Geschichten verbreiten sich in den Medien wie ein Lauffeuer in der Mühle der Getriebenen. So ist auch diese Woche das Ziel der öffentlichen Berichterstattung klar: Einen Schuldigen zu finden, welcher für die Fehler in den Verhandlungen verantwortlich gemacht werden kann. Den einen Sündenbock zu opfern, der die miserable Stimmung verursacht hat. Die Berichterstattung erreicht mit den abgebrochenen Sondierungsgesprächen den Höhepunkt der Inszenierung. Der „Lungerjournalismus“ vor der baden-württembergischen Vertretung kann endlich liefern und einen Schuldigen für die Schlagzeilen benennen. Schuldig oder Unschuldig? Das Rad dreht sich weiter und findet immer den einen Verantwortlichen für die Misere. Deutschland erlebt wohl ein neues Hoch des Blaming & Shamings. Die Suche nach den Fehlern, dem Versagen und der Niederlage ist endlos.

 

Typisch deutsch oder einfach nur klassisches Politik-Business as usual?

 

Das gegenwärtige Beispiel zeigt sehr schön, was das eigentliche Problem unser Kultur im Umgang mit Fehlern, einer Niederlage und dem Scheitern ist. Es existiert de facto kein lehrreicher Umgang mit Fehlern, Rückschritten oder der Akzeptanz, etwas nicht geschafft oder erreicht zu haben. Wir sprechen uns oft für eine starke Fehlerkultur aus. Rückschläge sollen als Chance gesehen werden, negative Erfahrung uns wachsen lassen. Doch im Politik-Business ist davon nichts zu sehen. Vielmehr wird das Scheitern von Parteien und Persönlichkeiten als eine Art “Zeremonie der Schuldigen” gefeiert.

 

Anstatt die Akzeptanz und den Respekt zu fördern, auch unpopuläre, aber notwendige Entscheidung einer Jamaika-Sondierung zu verstehen, wird durch die Medien eine neue Staatskrise ausgerufen. Völlig absurd, wenn man sich vor Augen hält, was der eigentliche Sinn von Sondierungsgesprächen ist. Anstatt die sachliche Reflexion der fehlenden Schnittmengen zu erläutern, wird an die „staatspolitische“ Verantwortung appelliert, welche ein Scheitern kategorisch ausschließen soll. Alle Beteiligten suchen öffentlich und völlig transparent nach dem eigentlichen Verursacher und Schuldigen. Nach dem bekannten Motto „an uns hat es nicht gelegen“, wird die eigene Verantwortung schnell weggeschoben und an die Konkurrenz weitergegeben.  

 

Scheitern bedeutet aber auch, sich selber eigene Fehler einzugestehen. Auch den Mut haben, Konsequenzen zu ziehen und am Ende dafür als Verantwortlicher den Shitstorm zu ertragen. Einer Verantwortung, die sich vor allem die Bundeskanzlerin als selbsternannte Chefin der Nation stellen muss. Insbesondere Frau Merkel schafft es immer wieder, persönliche Fehler oder falsche Entscheidung zu relativieren. Das Eingeständnis, selbst Fehler gemacht zu haben, hat noch nie stattgefunden.

 

Doch selbst bei einem öffentlichen Bekenntnis zum Scheitern verurteilen die politischen Beobachter die vermeintliche Taktik des Scheiterns als perverse Methode. Vor einigen Wochen haben wir hier auf ungehobelt versucht, das Guttenberg-Phänomen als Beschreibung der Fehlerkultur in der Politik zu erklären. Es ist ein Spiel, in dem alle Beteiligten am Ende kurioserweise nur verlieren können. Wie so oft, wird dann aus der ängstlichen Illusion, etwas nicht zu schaffen, oft sehr schnell auch das tatsächliche Scheitern. Der politische Betrieb ist da ein sehr passendes Beispiel für die Denkmuster der Akteure in Gesellschaft und Kultur.

 

Doch vielleicht kommt dieses politische Beben genau zur richtigen Zeit. Der alte elitäre Kreis der Berliner Blase wird durchgerüttelt. Das Unmögliche, in diesem Fall das Scheitern der Gespräche, wurde nun doch zur bitteren Wahrheit. Die Akzeptanz, bisherige Automatismen zu durchbrechen, ermöglicht uns endlich frei und neu zu denken. Das sollte auch die Aufgabe aller Beteiligten für die kommenden Wochen sein. Sich endlich frei zu machen, von der Angst vor dem Scheitern.

 

(fh)

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