Silicon Wahnsinn: Tempo statt Perfektionismus

Kerstin Ewelt bei Quora
Foto: Kerstin Ewelt privat

Über 50.000 Deutsche leben im Silicon Valley, einem der bedeutendsten IT- und Technologiestandorte der Welt. Im südlichen Teil von San Francisco treffen sich die kreativsten Köpfe der Branche und tüfteln an neuen Ideen, Geschäftsmodellen und eigenen Startups.

 

Kerstin Ewelt ist mittendrin und erlebt den Wahnsinn jeden Tag aufs Neue mit. Als Head of Marketing & Business Development Nordeuropa arbeitet sie bei Quora, einer Q&A-Plattform mit Social-Media DNA. Das Motto von Quora: Wissen teilen, Wissen vermehren. Felix trifft Kerstin zu einem Gespräch über turbokapitalisierte Weltkonzerne, kaputte Straßen, nicht bezahlbare Mieten und einem nicht zu stillenden Drang, immer besser zu werden.

 

Ein Text, der hinter die schillernde Welt der Tech-Oase schaut, aber auch die ganz persönliche Biografie von Kerstin Ewelt erzählt. Eine Geschichte über ihre Rolle im Valley, den Mut, Deutschland zu verlassen und eine gut bezahlte Stelle aufzugeben und über den Spagat, jeden Tag in zwei Welten einzutauchen. 

 

Als Kerstin Ewelt die Entscheidung traf, mit ihrem damaligen Mann nach Amerika zu gehen, war sie eigentlich gerade erst richtig angekommen. Nach ihrem Studium an der Freien Universität in Berlin durchlief sie mehrere Stationen bei der Berliner Zeitung und BILD, bis sie mit Anfang 30 die Verlagsbeilagen der F.A.Z. verantwortete und Chef vom Dienst Anzeigen wurde. Die F.A.Z. war für Ewelt eine Art Berufswunsch gewesen. In jungen Jahren träumte sie von einer Anstellung bei einer der renommiertesten deutschen Zeitungen. Als der Traum durch harte Arbeit endlich wahr wurde, musste Kerstin eine prägende Entscheidung treffen. Wollte sie ihren Mann für mindestens drei Jahre mit in die USA begleiten, ihre gut bezahlte Stelle bei der F.A.Z. aufgeben und in einem fremden Land eine eigene Familie gründen? 

 

Die ersten Gedanken, die Ewelt durch den Kopf gingen, waren von Zweifeln und diffusen Ängsten dominiert. Sie selber wäre nie auf die Gedanken gekommen, Deutschland beruflich oder privat einfach so zu verlassen. “Ich hatte immer gedacht, dass ich gar nicht für ein anderes Land geboren bin”. All diese Herausforderungen, die mit einem Umzug in ein fremdes Land verbunden waren, beeindruckten sie schwer. Parallel zu diesen Zweifeln entwickelte sich aber auch eine Art Abenteuerlust. Der Prozess vom ersten Zweifel bis hin zu der Aufbruchstimmung und den vielen neue Chancen dauerte ein paar Monate. Dann entschloss Ewelt sich, den Schritt zu wagen und das Land zu verlassen. “Am Ende des Tages musst Du immer Entscheidungen unter Unsicherheiten treffen”, sagt sie heute mit Rückblick auf diese Zeit.

 

Die erste Station in den Staaten führt aber nicht direkt ins sonnige Kalifornien, sondern in einen Vorort von Pittsburgh, eine Region, die sicher nicht den Glanz und Ruhm vom Silicon Valley mitbringt, aber trotz aller Umstände einen erfolgreichen Strukturwandel bewältigt hat. In den ersten Wochen nach dem Umstieg stellte sich Kerstin direkt der größten Herausforderung, der englischen Sprache. In den ersten sechs Monaten besuchte sie täglich die Sprachschule und verbesserte ihr Schulenglisch Schritt für Schritt. 

 

Auch wenn Pittsburgh kulturell nicht der vielseitigste Ort der Welt ist, knüpfte Kerstin schnell soziale Kontakte und tauchte in das amerikanische Leben ein. In dieser Zeit wurde Ewelt schwanger und legte eine berufliche Pause ein. Die erste berufliche Herausforderung kam auf Ewelt nach dem zweiten Umzug von Pittsburgh nach Kalifornien zu. Nachdem die Familie entschieden hatte, den Aufenthalt in den Staaten um drei weitere Jahre zu verlängern, stand der Umzug ins Valley an. Auch dieses Mal gewöhnte sich Ewelt schnell an die neuen Umstände und die Familie vergrößerte sich ein weiteres Mal. Nach einer beruflichen Auszeit von sieben Jahren musste Ewelt wieder neu starten. 

 

Kerstin bekam schnell zu spüren, dass ihre renommierte Erfahrung bei der F.A.Z. und der Berliner Zeitung im Silicon Valley nicht viel wert waren. Selbst der Axel Springer-Konzern konnte die Personaler in den Staaten nicht wirklich überzeugen. “Das war ein mieses Gefühl. Für mich war es das gefühlte Scheitern”. Somit führte für Ewelt kein Weg daran vorbei, beruflich nochmal bei null anzufangen. Der erste Job im Valley war ein klassischer Einstiegsjob. 15 Dollar die Stunde für eine Homeoffice Arbeit für Google. Acht Stunden pro Tag evaluierte Ewelt als freie Mitarbeiterin Google-Suchergebnisse. “Du arbeitest komplett isoliert. Du hast keinen Chef, keine Kollegen, keine Community. Das ist nicht mein Ding”. 

 

Welche Auswirkungen dieser ehrliche Neustart für den eigenen Lebenslauf hatte, merkte Ewelt erst etwas später bei ihren zukünftigen Stationen. Trotz der ausschließlich deutschen Berufserfahrung und einer siebenjährigen Lücke im Lebenslauf war Ewelt nach ihrer Zeit bei Google wieder interessant für andere Unternehmen. Ihre Arbeit und das Engagement wurden wertgeschätzt und ermöglichten einen schnellen Wechsel in interessantere Tätigkeiten. Von Google ging es zu LinkedIn, dann zu Apple, von dort zu Yahoo, bis zur aktuellen Station bei Quora, der wissensvermittelnden Plattform. Dort verantwortet Kerstin heute als Head of Marketing & Business Development den Bereich für Nordeuropa. Mit ihrer Erfahrung als Journalistin kontaktiert sie unter anderem relevante und interessante Persönlichkeiten, die dann für den für deutschsprachigen Raum Fragen der Community beantworten und ihr Wissen mit anderen teilen.

 

Kerstin Ewelt ist mit ihren 50 Jahren voll und ganz im Hotspot der Digitalen Economy angekommen. Wenn man sie nach ihrem Erfolgsrezept fragt, winkt Ewelt schnell ab. Vielmehr geht es ihr um die eigene Persönlichkeit, die den Unterschied macht.  Und was unterscheidet sie von anderen Mitarbeitern im Valley? “Ganz einfach, ich kombiniere die besten Eigenschaften und Werte aus Deutschland und den USA. Die Mischung macht’s”. Das “Deutschsein verbindet Ewelt mit klassischen Eigenschaften wie Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit. Ihr Chef hat schnell gemerkt wie Ewelt tickt und wie sie arbeitet. “Ich bin für meinen Chef ein offenes Buch. Ich denke und spreche sehr offen und direkt.” 

 

Wenn Ewelt von der amerikanischen Kultur spricht, dann von einer lockeren und freundlichen Kommunikationssprache, die aber nicht immer leicht zu entschlüsseln ist. “Bei den Amerikanern musst du zwischen den Zeilen lesen. Die sind immer sehr, sehr nett. Du musst aber auch verstehen, was sie wirklich wollen.” So kann es auch mal vorkommen, dass sich ein neuer Kontakt von einer Veranstaltung doch nicht nächste Woche wie versprochen meldet, sondern eher nach dem Motto “alles geht, nichts muss” unbekannt bleibt. 

 

Dieses optimistische und offene Denken der Amerikaner macht das Valley zu einem echten Hexenkessel der großen Träume und Visionen. All das geballte Wissen und die Expertise treffen aufeinander und schaffen jeden Tag aufs Neue schräge, aber auch bahnbrechende Ideen und Lösungen. Doch das goldene Valley hat auch seine Schattenseiten. Die Infrastruktur leidet enorm unter dem rasanten Zuzug in die Region. Selbstfahrende Autos treffen auf beschädigte Straßen. “Meine Familie in Deutschland denkt, wir fahren hier mit Magnetbahnen rum. Im Gegenteil: Gängiges Transportmittel ist hier eher die alte Dampflok.” 

 

Wer mit dem Auto unterwegs ist, muss im Regelfall immer viel Zeit einplanen. Die Highways sind komplett überlastet und zur Rushhour vollkommen verstopft. “Die Menschen kaufen sich teure und moderne Autos, um dann auf überlasteten Straßen voller Schlaglöcher unterwegs sein zu können”. Diese Beobachtungen klingen eher nach DDR statt nach USA. Selbst ein schneller Kaffee zwischendurch kann zu einem echten Problem werden. Stromausfälle kann man wöchentlich fest einplanen. Homeoffice scheint da zur echten Herausforderung zu werden. Doch auch hier macht Ewelt das Beste aus den Rahmenbedingungen. Morgens auf dem Weg zur Arbeit telefoniert sie mit deutschen Freunden und hält sich so mit Neuigkeiten aus der Heimat up-to-date. Auf dem Rückweg lenkt sie sich mit aktuellen Podcasts ab und übersteht auch die letzte Meile bis zur Familie. 

 

Die Innovationskraft dieser Region kann für jeden Einzelnen zur echten Herausforderung werden. Doch was passiert mit den Menschen, die dieses Tempo und die gelebte Distribution nicht mehr mitgehen wollen oder können? Ist die propagierte Fehlerkultur im Alltagsgeschäft für alle ein Mehrgewinn der eigenen Risikobereitschaft? Das wichtigste Learning für Ewelt ist der Umgang und die Reaktion auf einen Fehler oder einer Fehleinschätzung. „Du darfst dich nicht hinter Fehlern verstecken. Wichtig ist, nicht mit irgendwelchen Entschuldigungen anzukommen, sondern mit Lösungen. Fehlerkultur bedeutet auch, eine Chance zu bekommen, Verantwortung für den Fehler zu übernehmen und selber zu handeln.“ 

 

Dieses Vorgehen ist insbesondere bei der Unternehmensgründung essenziell. Im Valley wird nicht solange an einem Produkt getüftelt, bis es zu 150 Prozent perfekt ist. Vielmehr werden viele kleine Schritte und Tools ausprobiert und man nähert sich langsam dem perfekten Produkt oder der smarten Dienstleistung. Der Prototyp kann dann auch schon mit 80 Prozent an den Markt gehen und entsprechend der Nachfrage schnell und agil angepasst werden. Diese Art der Marktforschung und des Innovationsmanagements ist auch einer der größten Unterschiede zwischen dem amerikanischen und deutschen Markt. „Mercedes kann kein Auto als Prototyp vorstellen“. Die Bundesrepublik lebte lange von der perfekten Qualität, der Zuverlässigkeit, dem Ziel, Fehler und Restrisiko bis zum Optimum zu reduzieren. Diese positive Qualitätsbesessenheit kann aber auch zum echten Innovationshemmer werden. 

 

Das Silicon Valley kann da im Kontext der Internetindustrie schneller und einfacher Fehler korrigieren und das Motto „trial & error“ jeden Tag aufs Neue leben. Zudem sieht Ewelt auch in der Mentalität der Konsumenten einen großen Vorteil für innovative Ideen. „Der Amerikaner ist im Kontext neuer Geschäftsmodelle tolerant, offen und denkt gerne groß“. Diese zukunftsorientierte Einstellung findet man somit nicht nur auf Angebotsseite wieder, sondern auch bei der Nachfrage nach neuen und verrückten Ideen. Das größte Problem für Deutschland sieht Ewelt in den immer noch sehr starren und steifen Hierarchien. Vielen Managern und Entscheidern geht es immer noch vordergründig um Autorität und Prestige. Formelle Wege müssen eingehalten werden. „Scheitern gehört nicht zum Plan in Deutschland. Scheitern ist ein Stigma. Fehler zuzugeben ist ein Stigma“.

 

Doch eine junge und aufstrebende Generation hat eine Chance, diese Mentalität zu durchbrechen und neue Impulse zu setzen. Die größte Herausforderung wird es sein, eine Zusammenarbeit der alten Generation mit der neuen Generation der Digital Natives zu schaffen. Viele Mittelständler beklagen, dass sie zwar gut ausgebildete Leute finden, diese aber ein ganz anderes Verständnis von Arbeitszeit und Arbeitsplatz mitbringen. Ein schönes Beispiel ist die Arbeitszeiterfassung, ein Sinnbild deutscher Genauigkeit und Bürokratie. Die ältere Generation ist es gewohnt, morgens zu starten und dann gegen 16 Uhr das Bürogebäude wieder zu verlassen. Im Gegenteil zu den jüngeren Leuten, die vielleicht erst um gegen 10 Uhr ins Büro kommen, dafür dann aber lieber etwas länger bleiben. So kann es vorkommen, dass beide Generation einen sehr unterschiedlichen Arbeitsrhythmus haben und nicht aktiv integrativ zusammenarbeiten. Auf dem Papier wird dann vielleicht die Arbeitszeit erfasst, aber die gefühlte Anwesenheit und Zusammenarbeit wird mit gegenseitigem Misstrauen in Frage gestellt. 

 

Kerstin Ewelt schafft es in unserem zweistündigen Gespräch beide Welten der amerikanischen und deutschen Kultur und Mentalität zu verbinden. Ihre Erzählungen aus dem Alltag im Silicon Valley sind berauschend, aber auch aufklärend. Offen und selbstreflektierend beschreibt sie tägliche Herausforderung, das immense Tempo der Leistungsgesellschaft und den unaufhaltsamen Optimismus der amerikanischen Kultur. Kaputte Straßen, Leistungsdruck und absolute Eigenverantwortung gehören auch dazu. Unser Gespräch ist eine Art Exkurs in eine fremde Welt, die uns in kultureller Hinsicht gar nicht so fern ist. Der letzte Funke Innovationsgeist ist jedoch noch nicht übergesprungen.

 

(fh)

Kerstin Ewelt
Foto: Kerstin Ewelt privat

Zur Person: Kerstin Ewelt ist in Braunschweig geboren, hat in Berlin studiert und anschließend bei der Berliner Zeitung und später als Chef vom Dienst für Anzeigen und Ressortleiterin für die Verlagsbeilagen bei der F.A.Z. in Berlin und Frankfurt/Main gearbeitet. Mit Anfang 30 zog es sie in die USA, wo sie erst in Pittsburgh und später dann in Kalifornien Fuß fasste. Heute verantwortet Kerstin den Bereich Marketing & Business Development Nordeuropa bei der Wissensplattform Quora.

 

Quora: Quora ist ein amerikanisches Unternehmen mit der Zielsetzung, im Internet Antworten auf konkrete Fragen zu geben. Quora wurde 2009 gegründet und existiert in 17 verschiedenen Sprachen. Über 300 Millionen „unique visitors“ im Monat nutzen die Website nach dem Motto: „In jeder Biografie steckt wertvolles Wissen“.

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