Der Schritt in die Selbstständigkeit ist der gelebte und personifizierte Mut

Tijen Onaran
Foto: Tijen Onaran Privat

“Wir sind in Deutschland immer sehr nah und stark an der Perfektion orientiert. So will hier ja auch keiner so wirklich erzählen, wann er zum letzten Mal gescheitert ist.”

 

Tijen Onaran hat mit Anfang 20 ihre Karriere als politische Hoffnungsträgerin für beendet erklärt. Sie wollte keine klassische Politik-Laufbahn nehmen und sich ihre Freiheit und Unabhängigkeit bewahren. So entschied sie sich, nicht erneut für ein politisches Amt zu kandidieren und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Onaran durchlief anschließend mehrere Führungspositionen im Bereich Medien & Kommunikation und konnte mit wenig Mitteln vor Ort viel verändern. Die perfekte Motivation, eigene Erfahrungen mit in die Selbständigkeit zu nehmen und die eigene PR-Beratung zu gründen. Mit ihrem Frauennetzwerk “Global Digital Women” schafft sie heute eine neue Plattform für weibliche und digital affine Führungskräfte. Zudem spricht Tijen auf Konferenzen und Keynotes über die Chancen einer gesunden Fehlerkultur und fordert mehr “Fuckup-Nights” in Unternehmen.

 

Felix hat sich mit Tijen über Politik, Startups und die Fehlerkultur in Unternehmen unterhalten und sich erklären lassen, warum eine gesunde Portion Naivität helfen kann, Niederlagen besser wegzustecken.

 

Schon in jungen Jahren hattest du den Drang, Dich politisch einzubringen und bisherige Strukturen aufzubrechen. So hast du selber mehrere Wahlkämpfe geführt und für deine persönlichen Ideen und Visionen geworben. Was hat Dich damals bewegt, politisch aktiv zu sein?

 

Ich hatte schon immer Spaß und Lust mich einzubringen und mein Umfeld zu gestalten. So haben mich damals viele gesellschaftliche Themen innerlich berührt und herausgefordert. Insbesondere das Thema Bildung und der Zugang zu Bildung war für mich ein Schlüsselthema. Ich wollte mich nicht nur in der Familie und mit Freunden austauschen, sondern einen Ort finden, wo ich diese Themen auch professionell diskutierten und umsetzen kann. Bei den Jungen Liberalen konnte ich diese Diskussionskultur finden. Auch wenn ich als junge Tijen mit meinem Hintergrund dort zwischen BWL- und Jura-Studenten eher ein Exot war. Ich komme auch aus keiner politischen oder unternehmerisch geprägten Familie. So war das für mich eine sehr prägende und spannende Zeit. Später sollte ich dann auch für den Landtag kandidieren können und meinen eigenen Wahlkampf gestalten. Mit 20 Jahren habe ich so einen intensiven Einblick in das politische Geschäft bekommen und gelernt, strategisch und politisch zu denken.

 

Ich kann auch jedem jungen Menschen nur den Tipp geben, sich zu engagieren und sich einzubringen. Es ist ein tolles Gefühl, eine eigene Idee zusammen mit Freunden und Kollegen umzusetzen. So war die Anfangszeit in der Partei für mich wie eine Art “Assessment Center”, welches mich auf meine spätere Karriere sehr gut vorbereitet hat.

 

Den Einzug in den Landtag hast du damals mit 20 Jahren aber verpasst. Wie bist Du mit diesem Rückschlag umgegangen?

 

Den verpassten Einzug in den Landtag habe ich relativ sportlich gesehen. Ehrlich gesagt habe ich von Anfang an nicht damit gerechnet, eine wirkliche Chance zu haben. Somit bin ich in meinen Wahlkampf relativ erwartungsfrei gestartet und habe mir keine großen Hoffnungen gemacht. Diese Art von Naivität hat mir am Ende auch wirklich dabei geholfen, nicht zu stark enttäuscht zu sein.

 

Doch ich hatte nach der intensiven Zeit als Kandidaten schon das Gefühl, gerne noch weiter aktiv zu sein und mehr Verantwortung zu übernehmen. So hätte ich damals zur Bundestagswahl erneut kandidieren können. Doch ich wollte mich nicht vollkommen der Politik verschreiben, sondern weiterhin unabhängig bleiben. Oft musst du dann ja als Parteimitglied die grobe Linie mitgehen und deine persönliche Freiheit wird dadurch schon eingeschränkt. So habe ich mich entschlossen, nicht weiter aktiv zu sein und mir neue Herausforderungen zu suchen.

 

Unabhängig davon ist es aber natürlich auch hart für Menschen in der Politik, knappe Niederlage einstecken zu müssen. So habe ich damals super knapp mit zwei Stimmen die Wahl um einen Sitz im Landesvorstand verloren. In diesem Moment hast du auch das Gefühl, die nächste Tür für den nächsten Karriereschritt ist jetzt zu. Jede personelle Wahl und jedes Amt in der Politik zielt darauf ab, dass du persönlich in deiner politischen Karriere auch selber weiter kommst. Rückblickend war es für mich aber wohl die beste Niederlage, die mir damals hätte passieren können. Sonst hätte ich vermutlich nicht meinen neuen Weg als Unternehmerin und Gründerin gehen können.

 

Du hast in deiner politischen Zeit auch für einige prominente Politiker gearbeitet. Silvana Koch-Mehrin stand aufgrund ihrer fehlerhaften Doktorarbeit enorm unter Druck. Guido Westerwelle sorgte als Oppositionsführer immer wieder für Schlagzeilen und die Personalie Christian Wulff sollte später in die Geschichte eingehen. Hast du in dieser Zeit nochmal neu gelernt, wie man mit Fehlern und dem Scheitern umgeht?

 

In den Krisenzeiten habe ich persönlich am meisten gelernt. So lernt man zum Beispiel auch ein wenig Demut zu zeigen. Niemals die Menschen zu vergessen, die auch an deiner Seite stehen, wenn das Scheinwerferlicht nicht auf Dich strahlt. Da merkt man auch direkt, wie schnell sich Menschen und vermeintliche Verbündete von Dir abwenden können. So wertet es auch die politischen Mitstreiter auf, die als Unterstützer bei allen “Wetterverhältnissen” an deiner Seite sind und gemeinsam mit Dir die schwierige Phase durchleben. Menschen in der Politik und Öffentlichkeit leben am Ende auch von dem internen und externen Applaus des eigenen Umfeldes. Du bekommst täglich, vielleicht stündlich Feedback zu deinen Positionen und deiner Meinung. So ist es eine große Herausforderung für einen selbst, sich eben nicht von diesen Momentaufnahmen abhängig zu machen.

 

So habe ich für mich das Motto “solange es währt” gefunden, welches ich heute noch als Unternehmerin in der Selbstständigkeit lebe. Ich weiß heute ja noch nicht, wie sich in drei Jahren der Markt für mein Unternehmen entwickeln wird und genieße vielmehr die jetzige Situation.

 

Ich glaube das sogenannte “Abhängigkeitsgefühl” ist auch ein großes Problem von vielen Persönlichkeiten in der Politik. So gibt es einige Politiker, die noch nie einen anderen Job fernab des Plenarsaals gearbeitet haben. Aufgrund der Parteilinien und Verantwortungsbereiche verlieren diese Menschen so ihre Unabhängigkeit. Eine gesunde Distanz halte ich für enorm wichtig und es hilft einem auch Krisen gut zu überstehen. Dadurch kann man auch im Fall einer Niederlage noch andere neue Wege gehen und ist nicht an diesen einen Job gebunden.

 

Kommen wir zu deiner Zeit nach der Politik. Du bist Inhaberin der PR-Agentur “startupaffairs” und Gründerin von “Global Digital Women”. Was hat Dich bewegt, selber zu gründen und selbstständig zu arbeiten?

 

Ich bin sicher nicht die geborene Unternehmerin. So hatte ich auch nie den einen Traum, eines Tages mein eigenes Business zu führen. Meine Eltern haben selber immer als Angestellte gearbeitet und ich komme deshalb nicht aus einer unternehmerischen Familie. So bin ich auch eher mit dem Bewusstsein aufgewachsen, nach meinem Abitur und Studium in einem klassischen Angestelltenjob zu arbeiten.

 

Nach meiner Zeit in der Politik habe ich in unterschiedlichen Unternehmen und Verbänden im Bereich der Medien & Kommunikation gearbeitet. Oft habe ich in den einzelnen Stationen neue Strukturen aufgebaut und mein eigenes Team geführt. Durch meine einzelnen Projekte habe ich auch recht schnell positives Feedback von meinen Kollegen aus der Branche erhalten und ich konnte mit geringen Mitteln relativ viel bewegen. So habe in dieser Zeit auch mein Netzwerk aufbauen können, welches später den Zugang zu meinen Kunden ermöglichen sollte. Ich habe somit meine bisherigen Kollegen und Freunde ein bisschen in die Pflicht genommen und von ihnen erwartet, dass sie mich für meine Beratung und meine Ideen auch als selbstständige Unternehmerin in Anspruch nehmen würden. So wurden aus meinen langjährigen Arbeitskollegen und Bekannten auch meine ersten Kunden.

 

Wie bist Du mit der Angst vor einem möglichen Scheitern deiner Selbstständigkeit umgegangen?

 

Ich hatte ehrlich gesagt nicht wirklich Angst vor diesem Schritt. Vielmehr habe ich mir immer wieder bewusstgemacht, dass ich jederzeit in meinen “alten” Job zurückgehen könnte und es dadurch berufliche Alternativen für mich gibt. Doch ich habe sehr schnell gespürt, wie viele Sorgen und Ängste mein Umfeld nach meiner Entscheidung hatte. So ist der Schritt in die Selbstständigkeit in Deutschland der gelebte und personifizierte Mut. Oft wunderte sich Freunde von mir, warum ich als gut ausgebildete Angestellte diesen risikoreichen Schritt gehen wollte. Ich wiederum habe meine gute Grundausbildung und Erfahrung als wichtiger Indikator für die Entscheidung zur Selbstständigkeit gesehen.

 

Aber natürlich ist man immer einem gewissen Risiko auf dem Markt ausgesetzt. So habe ich mein Angebot und Portfolio in der Beratung mit der Zeit an die Kunden angepasst. Ich mache jetzt keine klassische operative PR-Beratung mehr. Sondern konzentriere mich vielmehr auf die Entwicklung von neuen Strategien. Diese “Nachfrage” kann sich natürlich immer relativ schnell ändern und du musst eine Antwort darauf finden. So spüre natürlich auch ich eine große Verantwortung gegenüber meiner Firma und meiner Angestellten.

 

In deiner Funktion als Unternehmerin warst Du auch viel international unterwegs. Wie gehen andere Länder mit dem “Gründergeist” und “Unternehmertum” um? Gibt es da kulturelle Unterschiede?

 

Ich glaube andere Länder gehen bei dem Thema “Scheitern im Unternehmertum” deutlich vorurteilsfreier um. Unser Schulsystem in Deutschland ist beispielsweise schon sehr darauf aufgebaut, eine klassische Laufbahn zu nehmen. Wir machen unseren Schulabschluss, anschließend durchlaufen wir eine Ausbildung oder ein Studium und starten dann als Angestellte in den Job. So spielt das Thema Selbständigkeit und Unternehmertum in jungen Ausbildungsjahren oft gar keine Rolle. In der Schule wird fast nie über die Chancen und den Mut der eigenen Geschäftsidee gesprochen. Es ist so für viele Kinder fernab der Familienunternehmen keine echte Karriereoption.

 

So gehen andere Länder da deutlich offensiver mit den Chancen der Selbstständigkeit um. Da werden die notwendigen Kompetenzen des Unternehmertums schon frühzeitig in den staatlichen Bildungseinrichtungen vermittelt. Teamarbeit, generalistisches Arbeiten und digitale Kompetenz gehören da zum Alltagsprogramm der Unterrichtseinheiten. So finden dort auch regelmäßig Startup-Pitches oder Debattier-Wettkämpfe statt. Wenn du dann als Absolvent das das College verlässt, bringst du die notwendigen Skills mit. Am Ende ist es natürlich auch eine kulturelle Frage. Wir sind in Deutschland immer sehr nah und stark an der Perfektion orientiert. So will ja auch keiner so richtig darüber reden, wann er zum letzten Mal gescheitert ist. Aber ich sehe da auch bei uns eine positive Entwicklung. Die Startup-Szene ist gewachsen und hat einen positiven Einfluss auf das Denken und Verhalten der Gesellschaft.

 

Du hast zudem auch das Netzwerk “Global Digital Women” ins Leben gerufen. So verfolgt ihr das Ziel, gemeinsam das größte Frauennetzwerk im Bereich der Digitalisierung aufzubauen. Wie geht die moderne Frau mit dem Thema Scheitern um? Und warum braucht es mehr Businessclubs für Frauen?

 

Um ein erfolgreiches Business langfristig aufbauen zu können, sollte man auf jeden Fall eine Portion Visibilität mitbringen. Mit unserem Netzwerk wollen wir die Frau in dieser Hinsicht unterstützen und pushen. Endlich über die großartigen Projekte und Ideen offensiv und laut zu sprechen! Ich bin in diesem Kontext auch kein großer Fan von irgendwelchen Geschlechter-Vergleichen. Aber ich sehe schon, dass Männer in dieser Hinsicht anders sozialisiert sind. So sprechen diese gerne auch über Dinge, die noch nicht perfekt funktionieren oder noch nicht fehlerfrei funktionieren. Frauen treten da schon etwas zurückhaltender auf und kommunizieren das eigene Projekt erst nach außen, wenn wirklich alles sauber und rund läuft.

 

Parallel dazu sehe ich aber auch die Entwicklung einer neuen und modernen Generation von Geschäftsfrauen. Diese haben ein sehr großes Interesse, neue Impulse zu setzen und sich vor allem mit Gleichgesinnten zu vernetzen. So können wir bei den Themen Digitalisierung und Innovation sehr spannende weibliche Expertinnen miteinander vernetzen und interessante Events veranstalten. Wir wollen so beispielsweise neue Impulse für innovative Strategien in Organisationen geben und Prozesse erklären. Genau dieses Denken und Handeln definiert ja auch einen erfolgreichen Unternehmer in seiner Branche. Immer in Bewegung bleiben und auch das eigene Business in Frage zu stellen.

 

Wir haben jetzt viel über die Fehlerkultur in der Selbstständigkeit gesprochen. Ich denke jeder Unternehmer braucht da eine gesunde Portion Mut zum Scheitern. Doch was können funktionale Organisationen tun, um das Thema “Fehlerkultur” zu fördern und den Mitarbeitern die Angst vor dem Fehler zu nehmen?

 

Je größer und komplexer Organisationen aufgebaut sind, desto schwieriger wird es, neue innovative Ansätze operativ umzusetzen. So kann ein Kulturwandel im Kontext der “Fehlerkultur” sehr lange und zäh verlaufen und ist eine große Herausforderung für alle Mitarbeiter und Verantwortliche. Insbesondere die klassischen Konzerne in Deutschland sind da bei diesen Fragen noch sehr weit weg. Doch man muss diesen Organisationen eben auch die Zeit geben, diese Themen anzugehen. So ist der Kulturwandel ja nur eine Herausforderung von vielen. Parallel dazu müssen neue Digitalisierungsstrategien entwickelt werden, um auf dem Markt schneller und effektiver reagieren zu können.

 

Es gibt da aber auch schon einige spannende Projekte der Zusammenarbeit von Konzernen und Startups. So unterstützen und analysieren externe Berater auch die Themen der Stunde und können wichtige Impulse liefern. Dieses “Aufbrechen” der alten Strukturen ist schon mal ein erster wichtiger Schritt. Anschließend kann man auch für ein neues Mindset in den jeweiligen Teams oder Abteilungen sorgen. Den Mitarbeitern die Vorzüge einer gesunden Fehlerkultur aufzeigen und somit auch ein Querdenken innerhalb von Organisationsstrukturen ermöglichen. So müssen die Führungskräfte von morgen mit neuen Fähigkeiten ausgebildet werden, um auch wirklich allen Mitarbeiter das Gefühl der Eigenverantwortung zu vermitteln.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Tijen! 


Tijen Onaran
Foto: Tijen Onaran Privat

Tijen Onaran ist Geschäftsführerin der PR-Agentur “startupaffairs” und Gründerin des Netzwerkes “Global Digital Women”. Sie schreibt regelmäßig als Kolumnistin für das Handelsblatt, Futurezone und LEAD Digital über die Digitalisierung und Vernetzung in der modernen Arbeitswelt. Onaran studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Öffentliches Recht an der Universität Heidelberg und schloss das Studium erfolgreich mit einem Magister ab. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0