Tinder: Dating für Angsthasen

Mann mit Blumenstrauß
Foto: unsplash

Das Prinzip ist einfach. Wische nach links und die Dame verschwindet, wische nach rechts und die Dame bleibt im Spiel. Rund 2 Millionen Menschen nutzen in Deutschland die Dating-App Tinder. Wir haben die Hoffnung, die echte Liebe, das romantische Date oder das perfekte One-Night-Stand zu finden. Doch was passiert, wenn das Dating so zum programmierten Erfolg wird und das Scheitern sowie jede Form der Ablehnung ausgeblendet wird?

 

Ich habe mal einen Blick hinter die Fassade des Online-Datings gewagt und mir das Prinzip Tinder genauer angeschaut.

 

Nüchtern betrachtet könnte man sagen, dass eine App für das Thema Dating eine logische Konsequenz der technologischen Entwicklung ist. Die Digitalisierung ermöglicht es uns, sämtliche Themen und Lebensabschnitte zu komprimieren und zu vereinfachen. Auch das Thema Liebe ist davor nicht geschützt. Mit einem Klick im Appstore öffnen sich die Türen zu tausenden von neuen Gesichtern, Geschichten und Möglichkeiten. Nach der ersten Überwindung, die es kostet, sich nun wirklich der Generation Online-Dating anzuschließen, beginnt das Spiel mit den Gefühlen.

 

Das inszenierte Profilfoto ist schnell geschossen und nun sollen wir in wenigen Sekunden entscheiden, ob wir der Person gegenüber eine zweite Chance geben wollen oder nicht. Innerhalb einer Minute stellen sich uns gut 50 potenzielle Partner vor und wollen von uns bestätigt werden. Doch Tinder kennt nur positive Signale und den Erfolg. Unlikes, Ablehnungen und ein klassisches Nein werden nicht direkt kommuniziert. Vielmehr wird den Nutzern vermittelt, dass das perfekte Match nur einen Klick weit entfernt ist.

 

Die App schafft es dabei, dem Nutzer durchgehend ein sehr positives Weltbild zu vermitteln. Falls Kandidat A nein sagt, bleiben immer noch viele andere potenzielle Kandidaten. Die App benachrichtigt uns nur bei positiven Rückmeldung. Das Scheitern und die Ablehnung werden dabei ausgeklammert. Am Ende wird schlichtweg versucht, das Thema Ablehnung und Abneigung im Dating zu minimieren oder gar unmöglich zu machen.

 

So wurde endlich ein Prinzip gefunden, sich den herausfordernden und unvorhersehbaren Entscheidungen persönlicher Anmache zu entziehen. Frauen müssen sich keine Gedanken mehr darüber machen, wie sie den nervigen Typen an der Bar loswerden. Mit einem Klick löst sich das Kommunikationsfenster von selbst auf. Männer müssen nicht mehr ihre Komfortzone verlassen, um endlich das süße Mädchen an der Bushaltestelle anzusprechen. Tinder nimmt uns die Arbeit ab und versetzt uns in eine Welt, in der ein perfekter Flirt zu jeder Zeit, an jedem Ort möglich ist.

 

Doch gehört zu jedem erfolgreichen Flirt, zu jedem geplanten Date, zu jeder heißen Nacht nicht auch die Erfahrung der Ablehnung oder der Absage? Gehört dazu nicht auch, die eigene Komfortzone zu verlassen und in unkontrollierbaren Situationen den Mut zu haben, den Flirt mit der Unbekannten zu wagen? Der Alltag bietet uns oft unzählige Möglichkeiten, das Momentum des Zufalls zu nutzen und endlich aktiv zu werden.

 

So stellt sich auch die Frage, wie sich das Thema Online-Dating in naher Zukunft entwickeln wird? Programmierte Apps machen Ablehnung und negative Erfahrungen unmöglich, indem nur die erfolgreichen “Matches” angezeigt werden? Die Sozialen Netzwerke bereiten alles dafür vor, unsere Entscheidungen, unsere geplanten Gefühle einfach komplett zu übernehmen und die perfekte Welt zu schaffen. Die Daten dafür haben wir schon geliefert, jetzt fehlen nur noch die Verknüpfungen und die künstliche Intelligenz, um den Prozess perfekt zu automatisieren. Tinder weiß dann, auf was für Sex wir stehen, wann wir mal wieder eine Beziehung brauchen und wann einfach nur einen romantischen Abend. Die einzelnen Profile kommunizieren dann untereinander, erstellen den Marktwert und vermitteln uns dementsprechend an den “passenden” User. Zeitlich wird alles automatisch abgestimmt und in unsere iCal-App eingetragen. Die perfekte automatisierte Zukunft der Liebe.

 

Diese Entwicklung wäre wohl auch das Endzeitszenario für das Scheitern in der Liebe. Es wird schlichtweg im Prozess unmöglich gemacht. Und trotzdem werden wir dadurch nicht unsere eigentliche Intention und unsere Grundbedürfnisse der innerlichen Anerkennung und Liebe befriedigen können. Um das echte und persönliche Date zu finden, müssen wir uns diesem Wandel meiner Meinung nach konsequent entziehen. Am Samstagabend müssen wir wieder in die Bar an der Ecke gehen und uns im Unkontrollierbaren treiben lassen. Wir sollten endlich wieder den Blick in den Club werfen und den Augenkontakt zu der Unbekannten von Gegenüber suchen. Und wir sollten den Mut haben, den unendlich langen Weg auf uns zu nehmen und die direkte Ansprache wagen.

 

Am Ende bleibt dann als Reaktion vielleicht nur eine plumpe Ablehnung, ein verstörter Blick oder eine ignorante Erwiderung. Die Sehnsucht nach der absoluten Sicherheit im Flirten muss aber eine Wunschvorstellung bleiben. Nur so lernen wir aus den Erfahrungen missglückter Versuche. Vor allem aber besteht so die Chance, dass die direkte und altmodische, aber kreative Ansprache in alltäglichen Situation in Zeiten des Tinder-Karussells besonders honoriert wird. So kann die persönliche und mutige Ansprache im Jahr 2025 wieder zum echten Stilmittel des Datings werden. 

 

Was sind eure Erfahrung mit Dating Apps? Erzählt uns von euren schlimmsten Online-Dates und den gescheiterten Flirtversuchen!

 

(fh)

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Kommentare: 1
  • #1

    Tobias L. (Montag, 06 November 2017 20:53)

    Ein guter Beitrag den man allerdings wird eine Seite ausgeklammert. Das Scheitern der Männer. Auf den großen Dating Apps in Deutschland (Tinder und Lovoo) sind gut 60% Männer und 40% Frauen angemeldet. Während Frauen kein Geld zahlen müssen für vollen Funktionsumfang und mit Anfragen und Matches zugeschüttet werden, sieht das bei den meisten durchschnittlichen Männern anders aus.
    Frau lädt meist nur ein paar hübsche Fotos hoch und kann dann zwischen zahlreichen Anfragen auswählen. Entweder sie flirtet nur zur selbstbestätigung oder es entwickelt sich eine Affäre oder sogar eine Beziehung.

    Ein Mann dagegen mit durchschnittlichem Foto kann schonmal an die 200 Frauen liken und/oder anschreiben und wird meist nur max. 10 Antworten bekommen. Die Frauen werden halt überschüttet mit Nachrichten und können dementsprechend wählen. Schon das Anschreiben ist Männersache und muss gegenüber den Mitbewerbern kreativ und ansprechend sein. Ein einfaches "hey" oder "du bist ja hübsch" reicht da nicht aus. Umgekehrt natürlich schon. Abgesehen davon muss Mann natürlich noch an die 10€ pro Monat zahlen um die vollen Funktionen der App nutzen zu können.

    Man kann sich schon denken, dass ich eher zu den Leuten gehöre die eher weniger erfolgreich auf diesen Apps wahren. Aber der Tenor des Beitrags stimmt. Unsere Gesellschaft wird immer oberflächlicher. Statt zu telefonieren oder auf einen Kaffee vorbeizukommen, chattet, skyped oder Whats Apped man lieber. Die Liebe wird mal kurz per App an der Bushaltestelle auf dem Weg zu Arbeit gefunden und abends noch ein cooles Bild für Instagram geschossen um sich selbst darzustellen. Traurige Entwicklung. In diesen belangen wäre ich lieber auf dem technischen Stand der 90er.