Wenn das Bauchgefühl es besser weiß, als die Universität, die dich ablehnt

Design
Foto: privat

Vorweg: meine Geschichte übers Scheitern ist eigentlich keine. Oder zumindest nur so halb. Ich unterteile selten in gut und schlecht, sondern eher in unterschiedliche hilfreiche Erfahrungen. Das hilft mir beim Glücklich sein. Hin und wieder merke ich aber an den (vollkommen überzogenen) Reaktionen meiner Freunde, dass ich anscheinend gerade als gescheitert wahrgenommen werde. Von so einer Situation handelt meine Geschichte.

 

Nach einem sehr guten Bachelorabschluss an einer kleinen Berliner Modeschule wollte ich den Master an einer anderen Uni fortsetzen. Oder anders: Ich war einfach zum Streber geworden und hatte nicht die Absicht, damit aufzuhören. Dafür hatte ich mir die EINE Kunsthochschule ausgeguckt, die meine fachlichen und persönlichen Kompetenzen bestmöglich erweitern sollte. Meine Uni-Checkliste: renommiert, gutes Menschenbild, freies fachübergreifendes Arbeiten, Experimentierfreude, Ausstellungen, sehr kollegiales Verhalten untereinander, vielseitige Möglichkeiten in den jeweiligen Werkstätten. Zusammengefasst: maximaler Erkenntnisgewinn bei maximaler Lebensfreude. Die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle sollte es werden.

 

Eine Auswahl meiner Arbeiten fasste ich zu einer Bewerbung zusammen und reichte alles fristgerecht ein. Und ich war mir sicher: Das musste einfach klappen. Ich suchte mir vorsorglich eine Wohnung in Leipzig –  mit Platz für Homeoffice und Werkstatt: Hell (für die Laune), mitten in der Stadt (für die Anbindung) und am Wasser (somit auch langfristig attraktiv). Ich war also sowas von vorbereitet für alles Kommende.

 

Und dann kam die postalische Ablehnung auf meine Bewerbung. Ich las sie mir ein erstes Mal durch, dann ein zweites Mal sehr langsam und ließ sie mir dann vorlesen, weil ich es nicht glauben konnte. An dieser Stelle hätte ich wahrscheinlich traurig sein müssen. Das wäre wahrscheinlich die richtige Emotion in so einem Moment, aber ich war einfach nur fassungslos. Das fühlte sich einfach nur falsch an. Das mag jetzt vielleicht seltsam klingen, wenn man das so liest, aber mir kam es überhaupt nicht komisch vor, umgehend im Sekretariat der Hochschule anzurufen und nachzufragen. Mir wurde dort allerdings bestätigt, dass die Ablehnung ihre Richtigkeit hatte.

 

Da musste einfach etwas falsch gelaufen sein, ein Fehler vorliegen! Vielleicht hatte die Auswahlkommission gedacht, dass meine bisherige Uni zu klein war, zu wenig Status hatte, oder die Ausrichtungen der Unis zu unterschiedlich waren. Oder sie hatten sich meine Arbeiten nicht richtig angesehen. In jedem Fall musste die Entscheidung vorschnell getroffen worden sein. Ich war ja nicht mal zu einem Gespräch eingeladen worden. Mein Bauchgefühl ließ nicht locker mir zu sagen, dass ich mich damit nicht abfinden lassen konnte. Nicht wenigstens ohne es wenigstens zu verstehen. Also griff ich nach kurzer Zeit doch wieder zum Hörer und machte einen Termin mit der studentischen Beratungsstelle des Fachbereichs aus, um die Bewerbungsunterlagen gemeinsam zu besprechen.

 

Der Austausch vor Ort brachte etwas Licht ins Dunkle: Der Umfang der Arbeiten war sehr beschränkt und da ich mich für den Master Conceptual Fashion Design beworben hatte – sehr textlastig. Da ich Komplexes sehr gern in Einzelteile zerdenke, um sie dann in neuer Form wieder zusammen zu setzen, dachte ich, dass ich da goldrichtig liegen würde.

 

Formal soll die Mode einen aktuellen Trend vorhersagen, dabei Bezug zu bereits Vorhandenem herstellen und den Zeitgeist widerspiegeln. Dies versuchte ich mit einer Arbeit, die ich der Bewerbungsmappe beilegte. Sie beschäftigte sich konzeptionell mit der exzessiven Berliner Partywelt, expliziter mit dem Schritt an der Schwelle zum Hängenbleiben. Für die Inszenierung entschied ich mich für die Tanzfläche des Berliner Clubs Sucide Circus und für eine sehr extreme Form der Körperkunst: Body Suspension. Eines der Models hing also an zwei Haken von der Decke, gehalten ausschließlich von der Kraft der eigenen Haut und agierte mit dem anderen. Dabei entstanden unglaublich schöne Bild- und Filmaufnahmen, sowie eine Doku. Zusammengefasst: Super Team, super Kollektion, super Location, super Output und super ausgearbeiteter Text – Best Case Szenario nahm ich an.

 

Blöd nur, wenn die Jury noch nie was von Body Suspension gehört hat und schockiert, entsetzt bis angeekelt das Portfolio zur Seite legt und annimmt, dass sich jemand einen schlechten Scherz erlaubt hätte. Ein weiteres Problem war, dass ich natürlich ideal präsentieren wollte, was meine Uni mir bisher schon alles beigebracht hatte. Ergebnis war ein digitales Hochglanzmagazin inklusive etlicher Verlinkungen und Zusatzinfos. Kurz: Viel zu viel Information auf zu wenig Platz. Sinnvoller wäre es gewesen, das Format so zu gestalten, dass es wenigstens die Möglichkeit offengelassen hätte, von der Wunschuni als ansprechend empfunden zu werden.

 

Für mich war es so erleichternd, diese Informationen schließlich in einem sehr offenen persönlichen Gespräch zu erhalten. Ich erhielt die Chance, auch meine anderen Arbeiten ausführlich vorzustellen und so meinen ersten Eindruck als martialische Schlächterin zu revidieren. Mir wurde versprochen, dass es ein weiteres Treffen mit den Professoren und Lehrenden des Fachbereiches geben würde, denen ich meine Arbeiten noch einmal persönlich vorstellen durfte. Auch dieses Treffen fand statt und war super nett, auch wenn ich natürlich sehr aufgeregt war. Verabschiedet wurde ich mit der Bitte, mich im nächsten Jahr wieder zu bewerben. Sie würden mich bis dahin weiterhin auf dem Schirm behalten.

 

Mittlerweile arbeite ich an meiner Abschlusskollektion an der Burg. Und die Zeit an der Hochschule war für mich sogar noch besser, als ich anfangs vermutet hatte. aber wenn ich heute an den Bewerbungsprozess zurückdenke, dann frag ich mich immer noch: Was zu Hölle war da los? Ich weiß auch nicht genau, was der Mehrwert meiner Geschichte für die Leser*innen ist. Vielleicht: Lieber aktiv etwas Dummes tun als zu bereuen, es nicht versucht zu haben? Oder: Ein Anlauf ist kein Anlauf?

Ich habe es auf jeden Fall bis heute nicht bereut, damals nicht lockergelassen und nach der ersten negativen Rückmeldung noch diverse Male nachgefragt zu haben. Viel zu oft lassen wir uns vorschnell entmutigen, wenn wir Absagen erhalten. Vielleicht macht meine Geschichte ein bisschen Mut, den eigenen Fähigkeiten auch nach erfahrenen Ablehnungen weiterhin zu vertrauen und sich nicht zu schnell abspeisen zu lassen. Wer weiß, wo ich ohne diese Hartnäckigkeit gelandet wäre?

 


Foto: privat
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Schrüppe McIntosh hat sich ihren Traum vom Studium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle erfüllt und schreibt dort mittlerweile an ihrer Abschlussarbeit im Masterstudiengang Conceptual Fashion Design. Vor ihrem Studium an der Burg graduierte sie 2013 mit einem Bachelorabschluss in Modedesign von der Mediadesign Hochschule Berlin. Seit 2012 ist sie darüber hinaus Stipendiatin in der Studienstiftung des deutschen Volkes.

 

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