"Wenn Du keinen Erfolg hast, bist Du schnell einsam"

Foto: unsplash
Foto: unsplash

Auf unserem Blog beschäftigen wir uns regelmäßigen mit verschiedenen Perspektiven zum Thema Fehlerkultur. Da darf ein Gespräch mit einem Experten aus der Psychologie nicht fehlen. Prof. Dr. Morgenroth spricht über die Wissenschaft des Scheiterns und erklärt uns die Angst vor dem Misserfolg .

 

Guten Tag Herr Prof. Dr. Morgenroth. Einer Ihrer Schwerpunkte im Fachbereich der Psychologie ist das Thema Fehlerkultur und der Umgang mit dem Scheitern. Wie kam es dazu, dass Sie sich mit diesem Thema beschäftigt haben?

 

Im Jahr 2004 war ich als Mitarbeiter an der TU Chemnitz tätig und habe aus dem Fachbereich Soziologie eine Anfrage bekommen, ob ich Interesse hätte, mit an einem Band über das Thema Scheitern zu schreiben bzw. zu forschen. Die letzte aktuelle Forschungsarbeit wurde 2016 veröffentlicht, in der ich mich damit beschäftigt habe, ob psychologische Theorien hilfreich sind, um das Scheitern von Personen aus anderen historischen Epochen zu analysieren.

 

 

Inwiefern spielen da eigene Erfahrungen mit Niederlagen und Rückschlägen eine Rolle?

 

Wenn wir über meine Forschungsergebnisse sprechen, dann betrachte ich diese Ergebnisse rein wissenschaftlich. Da werden persönliche Erfahrungen eher ausgeblendet. Aber natürlich kennt jeder die Erfahrung, persönliche Niederlagen und Fehler durchleben zu müssen. Vor allem im akademischen Feld ist die Konkurrenz doch oft sehr hart und der Kampf um Chancen und Erfolg eine Herausforderung für jeden Einzelnen.

 

Würden Sie sagen, dass das Interesse und die Nachfragen nach Themen wie der Fehlerkultur und dem Mut zum Scheitern in den letzten Jahren sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich gestiegen ist?

 

Ja definitiv. Vor allem für die Wirtschaft und das Unternehmertum ist das Thema von immenser Bedeutung. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Fehlerkultur in einer Organisation und der Innovationsfreudigkeit. Das Thema Insolvenzrecht beispielsweise ist da ein sehr aktuelles Thema. Viele Unternehmer melden ihre eigene Insolvenz oft sehr spät oder eher zu spät an. Somit ist der Rahmen für Korrekturen und Optimierungen nur sehr schmal. Da stelle ich mir als Psychologie die Frage, warum Menschen so lange zögern, sich das Scheitern einzugestehen. Diese doch sehr defensive und ängstliche Haltung erschwert auch einen konstruktiven Umgang mit den eigenen Fehlern.

 

Inwiefern spielt da unser Wirtschaftssystem, der Kapitalismus oder die Orientierung auf das Individuum eine Rolle?

 

Zu diesem Thema gibt es einige Thesen, aber noch relativ wenig konkrete Ergebnisse. Es ist sicherlich oft eine Frage der Kultur in den jeweiligen Ländern und Wirtschaftssystemen. Ein interessantes Beispiel sind die asiatischen Länder. Dort kann man auf Pressekonferenzen sehr gut beobachten, wie Menschen in Verantwortung mit Fehlern im Unternehmen umgehen und wie die Medienlandschaft diese dann reflektiert. Auf der damaligen Pressekonferenz zum Atomkraftunfall in Fukushima wurde deutlich, dass es dort eine klare Trennung von der Rolle, Funktion und der eigenen Persönlichkeit gab. Scheitern ist eher eine Sache des Kollektivs, nicht einer einzelnen Person. In Deutschland finden wir da eher eine Kultur des “blamings und shamings” wieder, die sich gegen die einzelne Person richtet. Wenn etwas schief läuft im Unternehmen, wird zuerst die Frage gestellt, wer ist schuld und wen können wir öffentlich verantwortlich machen.

 

Sind wir da in Deutschland besonders anfällig für oder hat nicht jeder Mensch in jeder Kultur von Natur aus innere Ängste, die man bewältigen muss?

 

Auf der kulturellen Ebene gibt es da schon Unterschiede. Am Ende stellt sich die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Niederlagen umgehen und welche sozialen Konsequenzen entstehen dadurch. Nach dem Motto: “Wenn Du erfolgreich bist, hast Du schnell viele Freunde, wenn Du keinen Erfolg hast bist Du schnell einsam, bzw. bekommst Du eine zweite Chance oder nicht”. Diese Entwicklung können wir schon in jungen Jahren beobachten und die Grundlagen werden in unserem Bildungssystem gelegt.

 

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit war die Beschreibung einer Studie zu Grundschulkindern in den USA. Muss die Grundlagen für eine gesunde Fehlerkultur somit schon im jüngsten Alter gelegt werden?

 

Es gibt eine sehr interessante motivationspsychologische Studie von Mueller & Dweck aus dem Jahr 1998. Dort wurden Schulkinder aus New York bei Erfolg entweder für ihre Intelligenz  oder für ihre hohe Anstrengungsbereitschaft gelobt. Kinder, die für ihre Intelligenz gelobt werden, fassten Lernsituationen primär als performance goals auf. Schüler, die für ihre Intelligenz - also ein Persönlichkeitsmerkmal - gelobt wurden, reagierten bei Misserfolgen viel heftiger als die anderen Schulkinder. Kinder der ersten Gruppe konstruierten Lernsituationen eher als performance goals, d.h. sie gingen davon aus, dass Erfolg bei Aufgaben (gerade auch im sozialen Vergleich) indikativ für die eigenen Kompetenzen ist. Kinder der zweiten Gruppe definierten die Situation eher als learning goals, was auch die Gelegenheit beinhaltete, aus Fehlern zu lernen, um besser zu werden. Aus Perspektive einer konstruktiven Fehlerkultur sind learning goals also deutlich günstiger.

 

Bedeutet das im Klartext, dass wir Reformen und Anpassung in der Bildungspolitik brauchen?

 

Es ist sehr schwierig da mit ganz konkreten Forderungen den Prozess zu beeinflussen. Zumal es weniger sinnvoll wäre, bestimmte Ideen von oben durchzusetzen. Da ist nur ein langfristiger eigenständiger Kulturwandel sinnvoll. Zudem muss man auch sagen, dass auch in Deutschland in den Vor- und Grundschulen durchaus learnings goals im Vordergrund stehen. Der negative Wandel zu performance goals entsteht dann eher ab der Mittelschule und wird später bis in die akademische Laufbahn stark ausgelebt und gefordert.

 

In vielen Fachbereichen in unserer Wirtschaft wird auch immer noch sehr konsequent der Erfolg an Zahlen und Daten gemessen. Wie schwer ist es da überhaupt, mit solch einem alternativen Ansatz das gegenwärtige Wirtschaften zu verändern?

 

Auch da kommt es wieder darauf an, in welchen Wirtschaftsbereichen wir uns bewegen. Die so genannte Start-up Kultur bringt ja eben vieles aus der Fehlerkultur mit und schafft dadurch vor allem im IT-Bereich neue Chancen und Innovationen für unsere Märkte. Dieser konstruktive Weg mit dem Mut zum Scheitern wird da im Alltag voll und ganz ausgelebt.

 

Wenn wir jetzt aber einige klassische Managementtheorien anschauen, welche ja oft auch die Null-Fehler-Politik fordern, wird es natürlich enorm schwer, dieses Thema auch wirklich fundiert zu integrieren. Beispiel dafür ist das Gesundheitssystem, eine Art Hochsicherheitsbereich, wo Fehler natürlich auch schwerwiegende Konsequenzen für Leib und Leben haben können. Aber auch da gibt es Versuche, die Sensibilität zu stärken, aus eigenen medizinischen Fehlern zu lernen. Auch Ärzten passieren Fehler, doch oft wirken Systemzwänge einer offeneren Fehlerkultur entgegen. Mein individueller Tipp wäre dann, dass sich jeder selbst gut überlegen sollte, in welchem Bereich er arbeiten möchte und welche Fehlerkultur in dieser Branche dann gelebt werden kann.

 

Welche Rolle spielt da die Generation X/Y? Kann man da Tendenzen sehen, dass dort die Angst vor dem Scheitern weniger eine Rolle spielt?

 

Ich bin da eher skeptisch, Generationen an konkreten Konzepten zu definieren. Sicher findet man da immer bestimmte Kernmerkmale einer Altersgruppe wieder. So wie wir wohl alle die Generation unserer Eltern abweichend von unserer beschreiben würden. Doch es besteht ein gewisses Risiko überzugeneralisieren. Zumal es da ja auch spannende soziologische Studien von Heinz Bude gibt, dass die jungen Menschen von heute sich eher nach Sicherheit sehnen und Fehlentscheidungen vermeiden möchten, da sie zum Teil von dem Überangebot von Möglichkeiten überfordert sind. Ich sehe dieses Problem auch immer wieder bei meinen Studenten im Fach Psychologie. Durch die Bologna-Reformen gibt es nun viele unterschiedliche Bachelor- und Masterstudiengänge der Psychologie. Das erhöht zwar die Möglichkeiten, aber auch das Risiko, das vermeintlich Falsche auszuwählen.

 

Zudem würde mich noch interessieren, ob Sie persönlich auch selber das eine Momentum erlebt haben oder den einen Fehler gemacht haben, welchen Sie heute als besonders wegweisend und hilfreich in Erinnerung haben?

 

Also bei mir persönlich gibt es da nicht den einen konkreten Fehler. Mit dem zunehmenden Alter wird man da sicherlich etwas gelassener im Umgang mit Rückschlägen und Fehlern. Das eine ist dann der Plan für das eigene Leben und das andere ist dann das eigentliche Leben. Somit stellen sich am Ende in der Nachbetrachtung die so genannten Umwege des Lebens oft als interessanter und spannender heraus, als der Plan, den man eigentlich umsetzen wollte. Diese Perspektive entsteht aber eher erst mit dem Alter und der Perspektive in der Rückschau. In jungen Jahren mit Anfang 20 ist man da natürlich viel stärker zukunftsorientiert, da stehen Pläne und Ziele stärker im Mittelpunkt und man ist erfolgsorientierter. Dieses Denken ist aber auch notwendig, um den eigenen Weg der Karriere selbst zu gehen.

 

Als Psychologe können Sie Ängste und Sorgen erklären. Bedeutet dass für Sie im Alltag auch, dass Sie Fehlern trotzen können und immer eine Erklärung für sich selbst parat haben?

 

Ich bin Psychologe und mein Job ist es darüber nachzudenken und zu forschen. Aber nur weil ich das Fach studiert habe, habe ich nicht eine Lösung für alle aufkommenden Probleme. Das hängt natürlich auch von der Persönlichkeit ab. Da spielt das Selbstwertgefühl eine wichtige Rolle. Wenn ich generell eher stabil bin, dann kann ich kleine Fehler auch besser verarbeiten und die Unsicherheit legt sich nicht sofort auf mein Selbstwertgefühl. Dies erleichtert mir dann auch den Umgang mit persönlichen Niederlagen oder Fehlern.

 

(fh)


 

Dr. Morgenroth ist seit dem Jahr 2010 Professor für Gesundheitspsychologie an der MSH Medical School Hamburg. Einer seiner Schwerpunkte in der Forschung sind die Themen Fehlerkultur und die Bedeutung von Misserfolgen. In seinem aktuellen Essay “Losses loom larger gains” schreibt er über die psychologischen Theorien für den Umgang mit Niederlagen.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0