„Wenn man Scheitern googelt, kommt als erstes mein Name“

Foto: Almut Elhardt
Foto: Almut Elhardt

Die Filmemacherin Claudia Sárkány (35) hat sich in ihren zahlreichen Filmprojekten erstaunlich oft mit dem Thema „Scheitern“ auseinandergesetzt. Grund genug für uns, sie zu treffen und ein wenig mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Als Kind eines ungarischen Slowaken und einer deutschen Mutter erlebte sie früh, was es bedeutet, wenn Kulturen aufeinandertreffen, die nicht so richtig zusammenpassen mögen. Nach ihrer Geburt in London und dem Umzug ins beschauliche Süddeutschland, stand die Ehe ihrer Eltern vor dem Aus.

 

Zu unterschiedlich waren die Vorstellungen von Familie und dem alltäglichen Zusammenleben. Während sie mit ihrer Mutter in die Nähe von Hannover zog, heiratete ihr Vater zwei weitere Male. Beide Beziehungen zerbrachen. Er starb, als Claudia Anfang 30 war. Heute beschreibt sie das Leben ihres Vaters als „ziemlich gescheitert“. In dem Dokumentarfilm, an dem sie gerade arbeitet, geht es um die Institution der Ehe. Wie auch in vielen ihrer vorangegangen Projekte nimmt das Scheitern eine große Rolle in diesem ein. Für ungehobelt haben wir uns mit ihr getroffen und über ihre aktuellen Projekte, Beziehungen und das alltägliche Scheitern gesprochen.

 

Du arbeitest aktuell an einem Dokumentarfilm über das Scheitern. Worum geht es da genau?

 

Also, genau genommen geht es um die Institution der Ehe und um die Möglichkeit des Scheiterns dieser. Es geht aber auch um die ganz persönliche Frage, ob ich gescheitert bin, wenn ich mit Mitte 30 unverheiratet und kinderlos bin. Das ist eine Frage, die ich mir selber gestellt habe, als viele um mich herum geheiratet oder Kinder bekommen haben, während ich mich immer sehr auf die Arbeit an meinen künstlerischen Projekten konzentriert habe. Und obwohl ich mich eigentlich total gegen solche Empfindungen sträube, dass es da so etwas wie eine Halbwertszeit geben soll, habe ich doch auf einmal diesen Druck empfunden. Dabei bewege ich mich als Absolventin einer Kunsthochschule nicht gerade in einem Umfeld, wo es wirklich erwartet wird, zu heiraten und Kinder zu kriegen. Aber plötzlich war es dann doch bei vielen, von denen ich es nicht erwartet hätte, Thema.

 

Gerade im kreativen oder insgesamt künstlerischen Bereich würde man ja damit rechnen, dass man sich da komplett frei machen kann von sozialen Zwängen.

 

Naja, das ist natürlich auch eine individuelle Sache. Ich würde sagen, dass mich das unterschiedlich viel beschäftigt. Manchmal denke ich mir, dass das überhaupt nichts mit meinem Leben zu tun hat und bin überzeugt, mich nicht irgendwelchen altmodischen Standards zu beugen. Dann gibt es aber doch wieder Momente, wo ich merke, dass sich jetzt doch viele zu Familien und festen Partnerschaften zusammentun. Und klar, dann frage ich mich, ob ich da jetzt irgendwie versagt habe, wenn ich das nicht auch gemacht habe. Das sind dann aber eher die schwachen Momente, in denen ich so empfinde.

 

Das heißt dein Film ist dann auch aus dieser persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema entstanden?

 

Ja, so in etwa. Es geht eigentlich noch ein bisschen weiter zurück. Mein Vater ist gestorben, als ich um die 30 war. Und obwohl ich da gar nicht mehr so viel mit ihm zu tun hatte, ist daraus das Bedürfnis geboren, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Mein Vater war eigentlich immer so ein Anti-Beispiel. Er war zwar eine total charismatische und kreative Persönlichkeit, hat es aber am Ende immer geschafft, alle zu vergraulen. Und das eigentlich nur, weil er immer zu große Erwartungen ans Leben hatte, die sich letztlich nicht erfüllt haben. Insofern habe ich meinen Vater immer als ein Paradebeispiel für jemanden wahrgenommen, der gescheitert ist an seinen eigenen Erwartungen. Wenn er bescheidener und mit weniger glücklich gewesen wäre, dann wäre es auch nicht so schief gelaufen für ihn. Das waren auch seine Dämonen, dass er eigentlich immer dachte, er würde mehr Anerkennung verdienen.

 

Haben wir falsche Vorstellungen davon, wie eine Ehe abzulaufen hat? Ist das der Grund, warum heute viele Beziehungen scheitern?

 

Ich glaube schon. Gerade die Ehe ist ja etwas, das ursprünglich eher zweckbedingt war und aus ökonomischen Gründen eingegangen wurde. Also in der Aristokratie ging es um Macht. Da wurden verschiedene Häuser zusammengebracht, indem Kinder verheiratet wurden. Bei den einfachen Leuten ging es in erster Linie darum, das Familienbusiness am Laufen zu halten. All das hat sich irgendwann geändert: Die Ehe ist zu einem romantischen Konzept geworden. Jetzt haben wir diese Vorstellung, dass man die perfekte Person trifft, die einfach alles für einen erfüllt. Und klar, deswegen meine ich auch, dass viele enttäuscht sind, dass die meisten Beziehungen eben nicht so laufen …

 

… so wie es Hollywood vorspielt…

 

Ja, denn da, wo der romantische Spielfilm endet, da fangen die Probleme in der Realität ja meistens erst an.

 

Es scheint ja auch immer schwieriger zu werden, all diese Dinge unter einen Hut zu bekommen. Auf der einen Seite haben wir große Ziele, ins Ausland zu gehen und Karriere zu machen und auf der anderen Seite sehnen wir uns doch nach dem traditionellen Rückhalt einer Familie. Macht uns das zur Generation „Beziehungsunfähig“?

 

Ich denke das ist tatsächlich ein Phänomen unserer Zeit. Ich bin auch der Meinung, dass ich ein typisches Produkt meiner Generation bin und auch ein klassisches Scheidungskind. Weil ich einerseits natürlich ziemlich zynisch bin, was das Konzept Ehe angeht. Aber trotzdem habe ich ganz viele Disney-Filme gesehen, wo es darum ging, dass man am Ende den Prinzen heiratet. Und von dieser Vorstellung kann ich mich nicht ganz frei machen. Ich habe das Gefühl, das da ein großer Widerspruch existiert, zwischen dem Bedürfnis unabhängig sein zu wollen und der eingeforderten Flexibilität durch befristete Verträge und die gesamten wirtschaftlichen Zusammenhänge unserer Zeit. Es ist ja nicht so, dass Millennials sich das allein ausgedacht hätten, dass sie sie um jeden Preis unabhängig sein wollen und so sprunghaft. Und da lässt sich der Arbeitsmarkt ganz gut auf den Datingmarkt übertragen. Denn eigentlich haben fast alle ein extremes Bedürfnis nach Sicherheit. Aber dadurch, dass sie immer viel Instabilität aushalten und so flexibel sein müssen, sind die meisten gar nicht mehr in der Lage, geduldig zu sein ...

 

 … denn der nächste steht ja eh um die nächste Ecke…

 

… genau, oder ist nur einen Swipe entfernt.

 

Du beschäftigst Dich mit dem Thema Scheitern in der Beziehung ja schone eine Weile. Hast Du während dieser Zeit ein Geheimrezept gefunden, wie das Führen einer Beziehung in jedem Fall klappt?

 

Nein. Nur weil ich intensiv darüber recherchiert und mit vielen Leuten geredet und gedreht habe, würde ich auf keinen Fall sagen, jetzt Beziehungsexperte zu sein. Ich finde Coaches, die sagen, wenn du genau das und das machst, dann klappt es, heikel und fragwürdig. Es gibt kein allgemein gültiges Rezept für Liebesglück. Was man aber sagen kann, ist, dass es um ähnliche Werte geht. Also ich würde schon sagen, dass es ratsam ist, jemanden zu heiraten, der eine ähnliche Vorstellungen hat davon, wie das Leben verlaufen soll.

 

Das heißt am Ende muss man sich einfach trauen, auch Fehler zu machen?

 

Dazu fällt mir etwas ein, das J.K. Rowing gesagt hat. Sie meint “It is impossible to live without failing at something, unless you live so cautiously that you might as well not have lived at all - in which case, you fail by default.” Und darum geht es ja immer, wenn es ums Thema Scheitern geht, ob in der Liebe oder im Beruf. Wenn Du immer so gelähmt bist von der Angst vorm Scheitern, dass du gar nichts ausprobierst, dann ist das Scheitern vorprogrammiert.

 

Ist das etwas, was Du deinem Publikum mit deinen Filmen mitgeben willst? Gibt es eine Message, die dahinter steht?

 

So fange ich nie an. Also, wenn ich mir eine Geschichte ausdenke, da sage ich nie zu Beginn, was ist die Message, sondern zuerst denke ich mir eine Figur aus und dann ist das ganz intuitiv. Also, zum Beispiel Graffito der Superheld, der nach New York geht, um es zu schaffen oder Christina Brust-Nusslinger, die erfolglose Sängerin, die sind einfach so zufällig entstanden. Da hat sich erst so im Prozess beim Schreiben herausgestellt, dass es da Parallelen gibt. Wenn ich dann mit Abstand draufgucke, dann merke ich, dass es da um ganz ähnliche Kernthemen geht, nämlich um große Erwartungen, große Träume und große Enttäuschungen. Und dann aber auch um diese Befreiung, die diese Desillusionierung bringt. Ich glaube, dass das schon Themen sind, die mich grundsätzlich besonders beschäftigen und die dann unbewusst einfließen.

 

Dabei geht es ja immer um enttäuschte Erwartungen und den großen Clash mit der Realität. Ist das für dich, was Scheitern ausmacht?

 

Ja. Ich glaube, für das Scheitern hat man in der Regel selber schon gesorgt. Je höher die Erwartungen sind, desto größer ist das Potenzial enttäuscht zu werden. Bei Charles Dickens „Great Expectations“ geht es ja genau darum. Und ganz viele andere Filme und Geschichten basieren auch darauf. Und die sind auch immer wieder spannend. Ich glaube, deswegen finde ich diese Geschichten auch so interessant und habe Bock sie zu sehen und auch zu erzählen, weil das auch die Figuren sind, mit denen ich mich am meisten identifizieren kann. Die erst so traumtänzerisch sind und dann aber merken: „Mist, es läuft nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.“ Die dann aber auch Kraft daraus schöpfen, sich neu zu erfinden, frei von diesem Druck. Desillusionierung hat ja auch einfach ein riesiges Potenzial.

 

Welche Rolle spielt der Zufall bei diesem Prozess? Haben wir überhaupt so viel Einfluss auf unseren Erfolg, wie wir uns immer einbilden?

 

Ich glaube, dass der Zufall eine große Rolle spielen kann. Nehmen wir mal den Beruf des Autorenfilmers. Es gibt so viele Leute, die das machen wollen. Es ist so unwahrscheinlich, dass man einer von den wenigen wird, die davon gut leben können. Die, die es schaffen, brauchen gleichzeitig natürlich mehr als nur Glück. Die sind dann auch extrem talentiert und super diszipliniert und haben extremes Durchhaltevermögen. Aber manchmal scheitern dann auch welche, die wahrscheinlich genauso viel Talent und Durchhaltevermögen mitbringen. Die waren dann einfach nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Oder, das was sie machen, trifft nicht den Zeitgeist. Gerade in der Kunst gibt es doch so viele Menschen, die erst nach ihrem Tod entdeckt wurden. Ich denke, man sollte sich immer eher die Frage stellen: Kann ich so leben? Und wenn du so gerne malst, dass es einfach das Wichtigste ist für dich, dann mach es weiter! Aber wenn es dich total kaputt macht, würde ich natürlich auch sagen: Willst Du so dein Leben verbringen? Also, ich weiß nicht, ob das so ein gutes Vorbild ist: Der Künstler, der sich sein Leben lang irgendwie fertig gemacht hat und dann nach seinem Tod entdeckt wird. Ist das überhaupt erstrebenswert? Will man das? Ich zum Beispiel nicht. Ich will lieber das Gefühl haben, dass ich ein glückliches Leben hatte und dass ich auch immer drauf geachtet habe, Dinge zu tun, die mir Spaß machen. Wenn ich dann niemals eine Filmemacherin werden sollte, die nur davon lebt, dann empfinde ich das nicht als ein gescheitertes Leben.

 

Zum Schluss haben wir uns noch gefragt, welche Rolle die Kunst oder speziell der Film spielen kann beim Thema Fehlerkultur? Kann die Kunst da so eine Art Bildungsfunktion übernehmen?

 

Wenn ich unzufrieden bin und mutlos, dann kann ich ganz viel Kraft aus einer Geschichte schöpfen. Wenn ich jemandem dabei zusehe, wie er scheitert, aber würdevoll scheitert, so wie ich das in meinen eigenen Filmen auch versuche zu erzählen, dann hilft mir das. Es tröstet und inspiriert mich. Ein starkes künstlerisches Werk wirft auch die Frage auf: Was heißt das überhaupt, gescheitert zu sein? Das muss man für sich ja definieren - was ist denn ein gescheitertes Leben? Ist das etwas, was Du nicht geschafft hast, obwohl du es dir vorgenommen hast oder ist das ein beruflich vielleicht extrem erfolgreicher aber ausbeuterischer Arsch gewesen zu sein? Insofern finde ich, hat natürlich die Kunst so eine Kraft, genau diese Fragen zu stellen.

 

(jd)

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